Tanz zwischen Ton und Technik

2. Jänner 2004, 11:43
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Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist in vielerlei Hinsicht eine telegene Tanzveranstaltung

Wien - Boris Eifman springt sofort auf die Frage an. "Ja! Es gibt Dirigenten, die sind geniale Tänzer", sagt der 57-jährige Choreograf aus St. Petersburg. "L'homme volcan" Valerij Gergiev zum Beispiel sei fabelhaft. Eifman, der oft als einer der wichtigsten Exponenten des heutigen russischen Balletts bezeichnet wird, choreografiert die Ballettbeigaben für dieses soignierte Ereignis. Warten die russischen Ballettfans bereits ungeduldig darauf, was "ihr" Choreograf in Wien kredenzen wird? Eifman winkt ab: "Die meisten Menschen in Russland erwarten sich im neuen Jahr vor allem die Lösung ihrer ökonomischen, sozialen und politischen Probleme - auch die Ballettomanen."

Eifman, der bereits im Vorjahrskonzert mit dem Kirow-Ballett mitgewirkt hat, ist trotzdem guten Willens: "Ich möchte Optimismus und positive Energie für das neue Jahr vermitteln." Er wird den Accelerationen-Walzer und die Champagner-Polka von Johann Strauß choreografieren.

Schauplatz des heiteren Spektakels mit Tänzern des Wiener Staatsopernballetts ist das Museum Liechtenstein, in dem gerade eine große Bibliothek mit alten Bänden aus dem Besitz derer von Liechtenstein eingerichtet wird.

Dazu passend, versohlt - von Eifman angestiftet - Ballerina Eva Petters dem Charaktertänzer Christian Rovny zu Champagner-Klängen mit einem Buch den Allerwertesten. Bei aller mehr oder weniger ungeteilten Begeisterung, die das tourismusfreundliche Klischeemumifizierungsritual in den Herzen aller Weltösterreicher zwischen der Kamtschatka und Alaska auslösen wird, sollte die Komplexität dieses medialen Gesamtkunstwerks unter der Leitung des auch in Sachen Kunst so rasend fortschrittlichen ORF nicht vergessen werden.

Das Konzert findet wie gewohnt im Musikvereins statt. Von dieser Stätte wird die Musik von gestern, geteilt durch Barbara Retts Moderatorinnenstimme, ins geliftete Palais Liechtenstein übertragen. Die Tänzer bewegen sich live, begleitet von Kameras, die ihre Eindrücke zu den alten Recken der Regie beamen. Diese "choreografieren" das Tanz-Bildmaterial patschenkinotauglich zurecht. Die Bildregie für die Balletteinlagen obliegt dem Fingerspitzengefühl von Felix Breisach. In der Pause ergötzt uns dessen (Zitat ORF:) "poetischer Film" mit dem anrührenden Titel "Treasures of Austria".

Die Neujahrswonne ist ein Parforceballett der Töne und Technik, der Bilder und Beine, der Organisation und der Repräsentation. Das Konzert tanzt. Und es erweitert sogar den Tanzbegriff. Nicht nur mit einer Schlittschuhnummer zur Eislauf-Polka von Josef Strauß, sondern auch durch das Orchester. Das Tun der Philharmoniker erinnert an Xavier Le Roys brillante Choreografie der Musiker des Klangforum Wien in Bernhard Langs Theater der Wiederholungen, das letzthin beim steirischen herbst uraufgeführt wurde.

Diese Referenz zum Heute erlaubt, die Philharmoniker - Fernsehbilder sind dazu bestens geeignet - auch als Bewegungscorps zu genießen: Der disziplinierte Sitztanz der distinguierten Herren gemahnt Choreografiefreaks sofort an Jonathan Burrows' und Matteo Fargions Both Sitting Duet, das vergangenen Sommer in Wien zu sehen war.

Das einer Körperpraxis der Musikerzeugung verhaftete Tanzen der Musiker verbindet sich mit dem Tanz des Dirigenten auf seinem Podest und der gestischen Ecriture der Ballerinen und Ballerinos auf dem Parkett zu einem detailreichen Ganzen, das darauf verweist, wie sehr Klangerzeugung auf Tanz beruht. In der traditionellen afrikanischen Kultur kann das auch heute noch studiert werden.

Unter zusätzlicher Berücksichtigung der These des Experimentalfilmgurus Peter Kubelka, der zufolge auch der Film vom Tanz abstammt, wird klar: Das Neujahrkonzert ist ein tänzerisches Ereignis, in dem das Ballett keine bloße Einlage ist, sondern die Spitze eines gesamtchoreografischen Eisbergs.

Erster Tänzer dabei ist nicht etwa der diesjährige Gaststar José Carreño - Solist des American Ballet Theater -, sondern der Dirigent, dessen zarter Zauberstab abwechselnd Wellen kräuselt und Wogen türmt. Die Gesten des Maestro folgen einem strengen Plan und der Idee, die Körper der Musiker einzeln mit ihren Instrumenten und zugleich als Kollektiv zu verbinden, um das Werk der Partitur zu entwinden.

Boris Eifman erklärt den Unterschied zum Ballett: "Die Gestik des Dirigenten gebiert die Musik; die Tänzer dagegen nehmen die Musik an und vermitteln mit ihren Bewegungen eine neue, körperliche Information." Gergiev oder etwa Nikolaus Harnoncourt sind exzellente, expressive Tänzer. Muti hingegen verzettelt sich gern in seinem Sentiment.

So verstärkt er die Exhumierungsromantik des Neujahrskonzerts und gerät an den Rand einer Danse macabre, die der Vitalität des Verwehten jenes straußenhaften Wienertums entspricht, dem der Maestro sichtlich nachhängt. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 12./1. 12. 2003)

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