Kneipennostalgie

5. Jänner 2004, 18:22
posten

P. war nach dem Abspann einfach losgetrabt. Und hatte erst hier wieder gesprochen. Als er das erste Bier bestellte ...

P. war nach dem Abspann einfach losgetrabt. Und hatte erst hier wieder gesprochen. Als er das erste Bier bestellte. Bei einem Kellner, den wir nicht kannten und der uns auch nicht kannte. Nicht kennen konnte: Er war zu jung. Aber so originell, wie die Frau am Nachbartisch es ihrem Begleiter einreden wollte, seufzte P. als er sein Bier aus dem Glas meditiert hatte, so originell das mit dem Lokal nicht gewesen. Schließlich waren wir früher, also damals, immer hier gewesen. Nächtelang. Jahrelang. Das hier, blickte P. mit einer Mischung aus Melancholie und Erstaunen um sich, war unser Wohnzimmer gewesen. Und als die Frau am Nebentisch ihrem Begleiter zum vierten Mal erklären wollte, dass sie wohl die beste, ausgefallenste und überraschendste Kneipenidee gehabt habe, die man sich nur vorstellen könne, musste ich P. am Ärmel festhalten.

Um ihn daran zu hindern, aufzustehen, hinüber zu gehen und dem Begleiter der Frau zu sagen, dass hierher zu kommen wohl genau das Gegenteil von originell sei. Nach diesem Film: Wir hatten „Herr Lehmann“ gesehen. Und während sich ein paar Kids über Mode und Riten der Steinzeit mokiert hatten, war ein Drittel des Publikums mit glänzenden Augen aufgestanden - und hatte sich ohne viele Worte auf den Weg gemacht. In die Bars der eigenen Vergangenheit. Deshalb saßen P. und ich jetzt hier. Und wäre die Frau mit dem Glauben an die eigene, unendliche Originalität nicht gewesen, hätte uns – abgesehen von der Immobilie an sich - wahrscheinlich nichts daran erinnert, dass wir hier früher zu Hause gewesen waren.

Leder und Lärm

Ich wollte der Frau am Nachbartisch den Abend nicht verderben. Und weil P. ihrem Begleiter das mit der Null-Originalität unter Garantie reingedrückt hätte, hielt ich ihn zurück: Die Frau hatte ja schon damals, früher, vor vielen – mittlerweile zehn, fünfzehn oder noch mehr Jahren – hier herumgehangen und geglaubt sie habe Coolsein erfunden. Sie war uns – nicht nur aber auch - damit mächtig auf die Nerven gegangen. Bloß waren wir damals halt noch jung und so entsetzlich cool gewesen, dass wir Leute wie sie einfach ignoriert hatten. Also eigentlich fast alle Leute, die hier vor zehn, fünfzehn oder noch mehr Jahren mit uns bei Gitarrenkrachmusik und dichtem Nebel herumgesessen hatten. Das hatte P. mir und unserer damaligen Clique zwar – natürlich völlig zu Unrecht, wir waren in Wirklichkeit nur wahnsinnig unsicher und schüchtern gewesen – den Ruf eingetragen, unendlich überheblich zu sein. Aber uns war das nicht nur egal, sondern sogar recht gewesen: Wir trugen schließlich fast immer schwarz. Oft Leder. Rauchten Kette. Und schwiegen – nach unserer Lesart - vielsagend. Nächtelang. Jahrelang. Zum einen, weil die Musik ohnehin zu laut war um zu reden. Zum zweiten, weil das eben so war. In den späten Achtziger Jahren.

Dass wir da nach Herr Lehmann hierher kommen mussten, war klar gewesen. Auch – oder gerade weil – wir, wie wir uns dann gegenseitig mit leichtem Erschrecken vorrechneten (die Musik war eindeutig leiser als zu unserer Zeit) – tatsächlich etliche Jahre nicht mehr hier gewesen waren. Und es nicht einmal bemerkt hatten: Irgendwann waren wir ausgezogen. Hatten andere Wohnzimmer gesucht und gefunden. Vielleicht, versuchte P. das Offensichtliche zu leugnen, habe es ja daran gelegen, dass sich das Kneipen- und das Musikangebot vervielfältigt habe. Aber ein Blick in die Runde, auf die Leute, die hier und heute Stammbesetzung waren, zeigte, dass das nicht stimmte. Und dass der Satz, den während des Filmes einer in der Reihe hinter uns geseufzt hatte, zu wahr war: Wenn man, hatte der in der Reihe hinter uns nämlich gesagt, das erste Mal ernsthaft nachdenken muss, wann genau dies oder das passiert sei und man sich anstrengen müsse, persönliche mit historischen Ereignissen chronologisch in Einklang zu bringen, habe man die letzte Chance sich einzureden, dass man noch immer nicht erwachsen sei, längst versäumt.

Nikotinfleckenschau

Der mit dem schmerzhaft wahren Satz aus der Reihe hinter uns saß jetzt auch hier. Gemeinsam mit seiner hochschwangeren Frau, die wir auch damals, vor vielen Jahren hier immer schon wunderschön gefunden hatten und die anzureden sich keiner von uns je getraut hatte (sie war immer noch cooler als wir gewesen) saß er da und schaute verloren-melancholisch die Nikotinflecken an der Decke an. Und begann dann offensichtlich über das zu reden, was hier für ihn früher wichtig gewesen war. Ohne ihn zu hören hielten P. und ich dazu das - vermutlich ziemlich wortidente – Parallelreferat. Wir brauchten nur dem Blick über Lokal und Inventar und dem in Ecken, auf Wände und in Nischen deutenden Zeigefinger zu folgen.

Irgendwann fiel uns auf, dass die Stammbesatzung von heute – zehn, fünfzehn oder noch mehr Jahre jünger als wir – uns mit beinahe mitleidigen Blicken beobachtete. Fast peinlich berührt zahlten wir: Wir gehörten nicht mehr hierher. Das einzusehen, meinte P., tue ihm beinahe körperlich weh. Als wir an der Tür waren, hielt uns einer der jungen Stammgäste auf: Wir sollten uns nichts draus machen, sagte er so, als habe er unsere Gedanken gelesen, man sei hier Retro- und Nostalgiebesuche von älteren Leuten längst gewohnt. Vor allem seit Herr Lehmann in den Wiener Kinos laufe. Zu Silvester, lud er uns ein, feiere die Blue Box übrigens ihren 20. Geburtstag – wir sollten doch vorbeischauen. Wir wären hier dann sicher nicht die einzigen Relikte: Neulich habe er sogar seinen Vater hier an der Bar getroffen – und der habe auch diesen sentimentalen Blick gehabt.

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Jede Woche auf derStandard.at/
Panorama
  • Artikelbild
Share if you care.