Woher Russland neue Kraft bezieht

19. April 2005, 11:33
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Von Sibirien aus sollen auch China, Japan und die USA direkt mit dem Treibstoff der globalisierten Wirtschaft versorgt werden

Surgut - Die Straße windet sich durch die westsibirische Tundra. Sie verbindet die Bohrlöcher in einem der weltgrößten Ölgebiete. Rechts eine Tafel mit der Aufschrift "Gefährliche Zone, Achtung! Erdölleitung!" Links ein Birkenwald. Die kleinen Bäume werden im erdölverseuchten Boden kaum überleben.

Wohin der Blick auch fällt, überall stehen Pumpen, die das sibirische Erdöl aus 2000 Meter Tiefe heraufbefördern. Keine Menschenseele weit und breit, obwohl wir uns im Zentrum von Surgut befinden, jenem Ort, aus dem Russland neue Kraft bezieht - und auf den die USA ein begehrliches Auge werfen.

Die westsibirischen Erdölfunde machten in den 60er-Jahren die UdSSR zum weltgrößten Erdölproduzenten. Gute Verdienstmöglichkeiten lockten Hunderttausende Pioniere in eine Gegend, wo der Winter neun Monate dauert und Temperaturen von 50 Grad unter null an der Tagesordnung sind. Doch die Begeisterung war groß und die Anstrengungen heroisch - man beutete die Ölfelder wirklich in Rekordzeit aus.

2,6 Millionen Barrel pro Tag

1988 erreichte die sowjetische Ölförderung einen Spitzenwert von 12,6 Millionen Barrel (zu 159 Liter) pro Tag. Nur die Auflösung der Sowjetunion setzte dieser Flucht nach vorn ein Ende. Das Jahr 1993 brachte einen Einbruch der Produktion auf die Hälfte. Ölleitungen brachen, Raffinerien gaben den Geist auf, die Pumpen standen still, die Ölpest verbreitete sich.

Erst 1995 kam der Umschwung. Einige Geldhaie mit guten Verbindungen zum Kreml und zu Boris Jelzin privatisierten den Energiesektor. Die Oligarchen kamen an die Macht (deren über das Yukos-Reich herrschender König Michail Chodorchowski im Oktober entmachtet und als Steuerhinterzieher eingesperrt wurde, als er sich politisch gegen Präsident Wladimir Putin engagiert hatte), der neue Unternehmeradel.

Im sibirischen Lubilei sitzt Pavel, der von den Ureinwohnern dieser Region abstammt, vor der Tür des Hauses, mit dem er für die Wälder seiner Ahnen entschädigt wurde, und erzählt uns seine Geschichte. Vor sechs Jahren ließen die Helikopter von Surgutneftigaz (einer einheimischen Ölgesellschaft) Pumpen, Rohre und Bohrmaterial vom Himmel herab, für eine Bohrung, die 500 Meter weit von seinem Zelt aus Rentierfell entfernt geplant war.

Das Öl vertreibt das Leben

Den Fluss bedeckte bald eine fettige, dunkle Flüssigkeit, es gab keine Forellen mehr. In den Wäldern vergnügten sich die Ölleute mit ihren Motorschlitten auf der Jagd. Es gibt keine Nerze mehr, keine Hermeline, keine Füchse. Alles Leben ist aus den Wäldern gewichen. Also ist Pavel nach Lubilei gegangen.

Wie er sein neues Leben sieht? "Ich werde Beeren sammeln, um sie auf dem Markt von Surgut zu verkaufen, ich werde meine vier Kinder in die Schule schicken, und ich werde abwarten, bis es da unten kein Erdöl mehr gibt. Dann werde ich in meine Wälder zurückkehren."

Kaum ein Ureinwohner, der nicht nachgibt, benebelt vom Alkohol und den Versprechungen der Ölleute.

Chaos um Bohrungen

Das Handy des Technikers läutet unentwegt. Tag und Nacht ist er auf Achse. "Ich halte das nicht mehr aus!", stöhnt er, als sein Telefon zu vibrieren beginnt. Dean, nennen wir ihn so, ist ein ausländischer Ingenieur, der vor drei Jahren nach Russland kam, um die enormen Investitionen zu überwachen, die sein Auftraggeber, ein internationaler Konzern, in russisches Erdöl tätigt. Jetzt ist die schwierigste Zeit vorbei.

Nehmen wir ein Ölfeld in Sibirien, das seit einigen Jahren Öl produziert. Ausländer können sich dort genauso wie die Russen Konzessionen kaufen. Einziges Problem: Bei diesem Feld wurden die Bohr-Lizenzen senkrecht nach Tiefenmetern vergeben.

Die ausländischen Ölgesellschaften dürfen zwischen 1000 und 1500 Metern in die Tiefe bohren, die Russen darüber oder darunter. "An Zusammenarbeit sind die Russen nicht interessiert", erklärt Dean. "Die Folge ist, dass man sich an der Oberfläche auf die Füße steigt, und in der Tiefe kreuzen sich die Schächte, dort herrscht Chaos." Es ist schon vorgekommen, dass zwei Bohrungen kollidierten.

Der für Yuokos wichtigste Ort heißt Neftejugansk, er entstand in den 60er-Jahren rund um ein Ölfeld am südlichen Ufer des Ob. Die Retortenstadt zählt 110.000 Einwohner, kürzlich wurde eine Kirche an der Stelle eines Bohrturms errichtet, eine Moschee befindet sich gerade in Bau, und es gibt dort ein Museum, wo man dem Enthusiasmus der ersten Pioniere nachspüren kann.

1000 Drogenabhängige

In der Lenin-Straße stehen junge Männer im Mantel herum und trinken Bier. Trotz Schnee und Kälte tragen die jungen Mädchen Miniröcke und hochhackige Schuhe. Auch sie trinken Bier. Um 22 Uhr wird sich dieses Völkchen in den Klub Notchi ("Nachtklub") begeben, wo getrunken, getanzt und Roulette gespielt wird. Die Gemeinde bestätigt, dass es im Ort 1000 Drogenabhängige zwischen 14 und 28 Jahren gibt. Igor Gribanov, der stellvertretende Bürgermeister, versteht das nicht. "Yukos stellt ihnen alles zur Verfügung: Bibliothek und Sportplatz, Motocross- und Stemm-wettbewerbe, Schach-, Fußball- und Internetklubs, eine Musikschule, eine Kunstschule, den Klub Notchi - sie haben doch wirklich alles."

Ölleute nehmen den Hubschrauber, wie andere Menschen den Bus, niemand schert sich um die eintönige Landschaft, flach, weiß, unendlich, aus der Birken wie kleine Borsten auf dem Körper eines Riesen wirken. Am Horizont tauchen zwei riesige Fackeln auf, deren schwarzer Rauch über Dutzende Kilometer einen schwarzen Wolkenschweif zieht.

Plötzlich senkt sich der Helikopter auf die Förderbasis von Priobskole, einem riesigen Ölfeld, in das Yukos all seine Hoffnungen gesteckt hat. Obwohl es bereits 1982 entdeckt wurde, begann man erst 16 Jahre später mit der Produktion. Da es ständig vom Wasser des Ob überschwemmt wurde, war man gezwungen, eine riesige künstliche Insel zu bauen.

Der Zugriff auf die Technologie und das Kapital aus dem Westen wurde 1993 durch einen Vertrag mit der Amoco-Gesellschaft gesichert. 1998 jedoch, gerade als die ersten Barrels gefördert wurden, gelang es Yukos durch einen geschickten Schachzug, Amoco auszuhebeln. Die Amerikaner verloren 300 Millionen Dollar und sogar ihre Unabhängigkeit. Einige Monate später wurde Amoco von BP geschluckt. Die Episode hat keinerlei Spur hinterlassen, die Produktion steigt hier ständig.

Exportziele USA, China

In der Yukos-Zentrale in Moskau hängt eine Karte, auf der neben den Ölfeldern auch existierende und geplante Pipelines eingezeichnet sind. In Russland ist das Ölleitungsnetz Monopol der staatlichen Gesellschaft Transneft, die aber seit der Auflösung der Sowjetunion keinen Aufschwung mehr erfahren hat. Russland produziert 8,2 Millionen Barrels pro Tag, aber die Ausfuhrkapazität des Rohrnetzes der Transneft stagniert bei 3,5 Millionen Barrel, zur großen Frustration der Gesellschaften, die gern von den gegenwärtig hohen Ölpreisen profitieren würden.

Also baut Yukos sein eigenes Leitungsnetz, zum Beispiel nach Murmansk an der Barentssee, von wo aus das sibirische Öl nach Amerika gehen soll. Oder die chinesische Pipeline: ein Rohr von 2400 Kilometer Länge von Angarsk, nahe bei Irkutsk, bis zur mandschurischen Stadt Daqing, die aus den Erdölfeldern im Norden des Baikalsees gespeist werden soll.

"Der chinesische Energiebedarf ist beachtlich", freut sich Juri Iwanow, stellvertretender Direktor der Abteilung Handel und Transport von Yukos. "Mindestens 160 Millionen Tonnen erwarten wir für 2010, viermal mehr als Chinas derzeitiger Import." Seit vier Jahren wird über den Bau dieser Pipeline verhandelt, es fehlt aber noch die Genehmigung der russischen Regierung.

Im Kreml zögerte man, denn Transneft schlug eine andere Route mit Ausgangspunkt Angarsk vor. Sie würde länger und teurer sein und bis zum Pazifik nahe Wladiwostok führen, um die Japaner mit Erdöl zu beliefern. Tokio ist begeistert und verspricht, das Projekt mit Milliarden Dollar zu unterstützen.

Von Murmansk aus, dieser Garnisonsstadt auf halbem Weg zwischen Moskau und dem Nordpol, wo die Sonne zwei Monate im Winter nicht aufgeht, wollen die USA ab 2007 ihren Durst nach Erdöl löschen. Beim Präsidentengipfel Bush/Putin im Mai 2002 haben sich vier russische Erdölfirmen (Yukos, Lukoil, Sibneft und TNK) vertraglich geeinigt, eine große Pipeline von Westsibirien bis zur Barents-see zu führen, wo der Golfstrom ein Einfrieren des Hafens verhindert. Außerdem beträgt die Entfernung zu den Raffinerien in Texas hier nur 5800 Meilen (9334 Kilometer) gegenüber 12.800 Meilen (20.500 Kilometer) zum Persischen Golf. Mit dem Öl aus Murmansk hoffen die Russen 15 Prozent des amerikanischen Marktes abzudecken.

Atommüllgelände

Murmansk wurde im Ersten Weltkrieg, einige Monate vor der Revolution, zur Stationierung von Soldaten und für die Hilfstruppen aus England und Frankreich gegründet. Das Szenario sollte sich im Zweiten Weltkrieg wiederholen. Über Murmansk schickten Roosevelt und Churchill einen Großteil ihrer militärischen Hilfe an Stalins Truppen im Kampf gegen Deutschland.

Etwas außerhalb, auf der Halbinsel Kola, befindet sich jetzt ein riesiges Atommüll-gelände: 122 sowjetische Atom-U-Boote verrosten hier. Der Grad der Radioaktivität wird jeden Tag im Radio angesagt, gleich nach dem Wetterbericht.

Natürlich wären in Murmansk eine neue Pipeline und der Erdölterminal mehr als willkommen. Die Wiege der Nordflotte war einst das Lieblingskind des Sowjetreiches - in den Abgründen des postsowjetischen Schreckens, symbolisiert durch den Untergang des Atom-U-Bootes Kursk im August 2000, als 118 Seeleute den Tod fanden, ging es unter. Als Ölumschlagplatz könnte Murmansk wieder Anschluss an seine ursprüngliche Bedeutung finden.(DER STANDARD Printausgabe 30.12.2003, Serge Michel Serge Enderlin)

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  • Exportwege von russischem Öl nach Amerika, Japan und China
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    Exportwege von russischem Öl nach Amerika, Japan und China

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