Re-Klerikalisierung unserer Politik

7. Jänner 2004, 17:42
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Diie Seligsprechung von Kaiser Karl I. grenzt ans Groteske - Kolumne von Hans Rauscher

Immer dann, wenn man aus dem Kopfschütteln, über vatikanische Entscheidungen nicht herauskommt, sollte man an Franz Kardinal König denken. Der 98-Jährige, sein Leben und Wirken können einem dann den Glauben daran wiedergeben, dass es auch eine Zeit gab, in der kirchliche Entscheidungen nicht von Obskurantismus geprägt waren. König hat als Kardinal versucht, die Kirche mit der Moderne einigermaßen zu versöhnen.

Mit diversen Bischofsernennungen, die sich dann als katastrophal erwiesen, versuchte man in Rom querzutreiben. In der Beziehung ist man inzwischen etwas klüger geworden. Was aber jetzt mit der Seligsprechung von Kaiser Karl I. passiert ist, grenzt ans Groteske. Der junge Kaiser, unter dem die Monarchie zusammenkrachte, wollte den Ersten Weltkrieg beenden, auch weil er seelisch unter den schrecklichen Verlusten litt (was man nicht von allen Mitgliedern des Erzhauses sagen konnte). Er war aber zu schwach, sich gegen den deutschen Bündnispartner durchzusetzen (wenn das objektiv überhaupt möglich gewesen wäre; die deutsche Heeresleitung hatte bereits einen Einmarschplan ausgearbeitet; ein Bürgerkrieg zwischen den Deutschnationalen und den Slawisch-Nationalen wäre die Begleiterscheinung gewesen).

Karl war ein Habsburger mit einem Gewissen. Dennoch: Wenn Gutwilligkeit und tragisches Scheitern für eine Seligsprechung reichen, dann hat die Kirche eigenartige Maßstäbe. Ach ja, es gab noch ein Wunder: Eine brasilianische Nonne wurde durch Gebete unter Einbeziehung des verstorbenen Kaisers von ihren Krampfadern geheilt.

So lächerlich das klingt, aber es ist natürlich auch eine politische Entscheidung des Vatikan: Die ultra-frommen Kräfte in Österreich und einigen Nachfolgestaaten der Monarchie, die jetzt der EU beitreten, sollen diskret gestärkt werden. Die Seligsprechung Karls wurde in Österreich von einer "Gebetsliga" betrieben, die beim in jeder Hinsicht unseligen Kardinal Groër Unterstützung fand.

Sie passt in die Re-Klerikalisierung, die derzeit in Österreichs Politik festzustellen ist: Die ÖVP-Mitglieder der Bundesregierung pilgern nach Mariazell, um der Gottesmutter für die Erlösung von den EU-Sanktionen zu danken. Kanzler Wolfgang Schüssel darf von der Kanzel des Stephansdoms eine ziemlich politische "Predigt" halten. Nationalratspräsident Andreas Khol kämpft verbissen um den Einbau Gottes und/oder der Religion in die Präambel der neuen Verfassung.

Das Staatswesen soll damit wieder unter göttliche Oberhoheit gestellt werden. (Die Kirchen legen allerdings wenig Wert auf diese philosophische Überhöhung. Sie interessiert mehr, was der Verfassungstext selbst an Konkretem über ihren Status aussagen wird.) Schließlich annulliert die Kirche (die zuständige Diözese in Österreich) noch die erste Ehe des Gatten der Außenministerin. Wie lange das Verfahren dauerte, ist nicht bekannt, jedenfalls fügte es sich so, dass Frau Ferrero und ihr Gatte dieser Tage auch kirchlich heiraten konnten. Wie großen Eindruck dieser Akt auf die in solchen Dingen ziemlich prosaisch denkende Mehrheit der heimischen Katholiken bei der Präsidentschaftswahl macht, bleibt abzuwarten.

Hinter all dem steckt wohl eine Tendenz von Teilen der österreichischen Politik, auf eine Re-Klerikalisierung hinzuarbeiten, und von Teilen der Kirche, hier und in Rom, dem entgegenzukommen. Die Verdienste der Kirche als kulturelle und spirituelle Kraft wird das nicht schmälern; es ist aber ein Rückschritt hinter das, was mit Kardinal König erreicht wurde. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.12.2003)

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