Wenn das Positive nur so sprudelt

28. Jänner 2004, 21:30
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Was diese Raunächte jeweils für wenige Stunden mit fahlem Licht unterbricht, das sind die tristen Tage der politischen Rückblicke und Ausblicke ...

... der geschönten Bilanzen und stolzer Ziele, an deren Erreichbarkeit ohnehin keiner glaubt. Nicht alles ist schlicht fad, was man da zu lesen bekommt, nicht alles so deprimierend, wie das Resumé, das die Grazer "Kleine Zeitung" am Wochenende zog: Schwarz-Blau im glanzlosen und mühseligen Alltag. Manches ist durchaus angetan, die Melancholie post festum für einige Minuten zu vertreiben.

So hat sich die "Wiener Zeitung" wieder einmal ihrer selbst gewählten und in dieser Intensität ohne Zweifel historischen Lieblingsbeschäftigung gewidmet - der Apotheose des Kunststaatssekretärs besagter schwarz-blauer Verwaltung. "Kulturbilanz 2003" fällt positiv aus, jubilierte das Blatt am Samstag im Haupttitel über einer Textsorte, von der nicht eindeutig zu erkennen ist, ob es sich dabei um ein Interview mit dem großen Kulturpositivisten handelte oder um die Kaschierung eines glanzlosen und mühseligen Alltags, wie er im Übertitel kontrapunktisch angedeutet ist: Im Fall der Diagonale will Kunststaatssekretär Franz Morak weitere Gespräche führen.

Den Artikel eröffnet die Meldung eines sensationellen Erfolges, ausgestoßen im Unterton einer gefährlichen Drohung: Das heurige Jahr ist zwar bald zu Ende, doch die Diskussion um das Festival des österreichischen Films, die Diagonale, noch lange nicht. Dann folgt schon die erste Buchung in der positiven Kulturbilanz 2003: Nachdem nach langem Hin und Her letztendlich die von Kunststaatssekretär Franz Morak eingesetzte neue Leitung - der Spezialist für Filme aus dem Osten, Miroljub Vuckovic, und der TV-Mann Tillmann Fuchs - das Handtuch geworfen hatte und zurücktrat, ist nun die Diagonale 2004 endgültig abgesagt.

Wem das nicht positiv genug ist, der muss nur weiterlesen. Doch die Gegenveranstaltung, die sich die "originale Diagonale" nennt, wird stattfinden - eine ganz besondere Leistung Moraks, schließlich hat er sich dafür schier zerfranzt. Leider wurde ihm ein größerer positiver Bilanzposten gewissermaßen vor der Nase weggebucht: Was die Förderung betrifft, so hat Graz bereits 200.000 Euro zugesagt. Aber wenn Morak sich einmal auf etwas versteift, dann lässt er sich auch von einer Stadt wie Graz nicht beim positiven Bilanzieren behindern. Morak will mit den Verantwortlichen der Gegendiagonale noch über einen monetären Beitrag diskutieren. Wie weit das positiv endet, bleibt abzuwarten, fällt aber - ebenso wie das in Aussicht gestellte Überdenken der Sache - auf jeden Fall erst in die Kulturbilanz 2004. Auch die Positionierung des Festivals will überdacht werden, schließlich gehe es um die internationale Wahrnehmung.

Und wo bleibt das Positive heuer? Damit der heimische Film insgesamt kein "Stiefkind" mehr ist, wurde die Filmförderung verdoppelt, was den Kunstsekretär in die Position versetzt, andere an den Pranger zu stellen: Dass die EU ihren Filmförderungstopf nicht aufgefüllt hat, obwohl in Kürze weitere Länder zur EU gehören werden, findet Morak befremdlich.

Ihm, Morak, ist für den Film keine Strapaze zu groß. Was seine Vorliebe für die "laufenden Bilder" angeht, hat Morak in jüngster Vergangenheit eine rege Reisetätigkeit in Länder wie Slowenien oder Bulgarien entwickelt. Und wenn einer eine Reisetätigkeit entwickelt, dann kann er was erzählen: Dort gibt es "tolle Filmmöglichkeiten", sagt er, ohne freilich die aus Slowenien oder Bulgarien mitgebrachte Hiobsbotschaft zu verschweigen: Allerdings wachse dadurch auch der Wettbewerb. Immerhin: Er habe den ersten offiziellen Schritt in Richtung Kooperationen gesetzt.

Der Kulturbuchhalter ist nicht blind, wenn er positive Bilanz zieht. Dass das Kulturjahr 2003 mit Aufregungen geendet hat, sieht Morak zwar auch so, aber die Bilanz über das gesamte Jahr fällt trotzdem positiv aus, fast ist es schon mehr, als heimische Künstler verkraften können. Die Aktivitäten und Ereignisse sprudeln nur so aus ihm heraus, doch gleich als erstes hebt er die Biennale in Venedig hervor, wo die Präsenz heimischer Künstler weit über die Grenzen Venedigs hinausgegangen sei.

Gut gesprudelt! Auf die dortige Wiederentdeckung des 1936 in Villach geborenen Bildhauers Bruno Gironcoli sei er, Morak, ganz besonders stolz, betont er. Und das Heraussprudeln von ihm initiierter Aktivitäten und Ereignisse will gar nicht enden. Dass es nun auch Biennalen in Shanghai, Sao Paulo und anderen Weltstädten gebe, bekräftigt den Kunststaatssekretär in seiner Ansicht: "Kunst strahlt weit über die nationalen Grenzen hinaus, man muss den Künstlern daher eine Chance im großen Wettbewerb geben."

Aber nicht übertreiben, sonst werden sie noch frech und äußern den Verdacht der Kulturbilanzkosmetik. (DER STANDARD; Printausgabe, 30.12.2003)

Von Günter Traxler
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