Zitate aus Wiesenthals Lebenserinnerungen

25. Jänner 2004, 20:27
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"Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich für die tun kann, die nicht überlebt haben"

Wien - Unter dem Titel "Recht, nicht Rache" hat Nazi-Jäger Simon Wiesenthal 1988 seine Lebenserinnerungen veröffentlicht. Darin schreibt er über seine Befreiung aus dem Konzentrationslager ebenso wie über seinen Konflikt mit Bruno Kreisky. Wiesenthal gibt darin aber auch den nachfolgenden Generationen Botschaften mit. Im Folgenden einige Zitate:

"Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich für die tun kann, die nicht überlebt haben. Die Antwort, die ich für mich gefunden habe (und die keineswegs die Antwort jedes Überlebenden sein muss), lautet: Ich will ihr Sprachrohr sein, ich will die Erinnerung an sie wach halten, damit die Toten in dieser Erinnerung weiterleben können."

"Manchmal überkommt mich die Angst ..."

"Aber wir, die Überlebenden, sind nicht nur den Toten verpflichtet, sondern auch den kommenden Generationen: Wir müssen unsere Erfahrungen an sie weitergeben, damit sie daraus lernen können. Information ist Abwehr."

"Manchmal überkommt mich die Angst, dass in ein paar hundert Jahren Lehrer und Kinder im Geschichtsunterricht sagen könnten: Im 20. Jahrhundert versuchte Hitler in Europa ein großes Reich unter der Führung der Nationalsozialisten zu errichten. Zeitzeugen von damals behaupteten, er hätte versucht, die Juden Europas auszurotten. Es wird von Vergiftung der Juden in eigens dafür geschaffenen Lagern gesprochen. Tatsächlich scheint es zu Ausschreitungen gekommen zu sein, wenn diese Berichte auch stark übertrieben sein dürften."

"... wie außergewöhnlich die Zeit des Holocaust war"

"Wir haben die Pflicht, den jungen Menschen darzustellen, wie unfassbar, wie außergewöhnlich die Zeit des Holocaust war."

"Die Menschen können nicht anders, als zu beschließen: 'Das Leben geht weiter.' Man kann wahrscheinlich nicht mit dem ständigen Bewusstsein von fünfzig Millionen Toten, darunter sechs Millionen ermordeter Juden, leben, sonst muss man verrückt werden. Und dennoch kommt es mir manchmal ebenso verrückt vor, dass man nach nur wenigen Jahrzehnten so tun kann, als hätte es diesen Berg von Leichen nicht gegeben."

"Tränen fließen schnell"

"Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich bei meinen Vorträgen Worte suchen sollte, die meine Zuhörer zu Tränen bewegen. Aber ich glaube, damit machte man es sich zu leicht: Tränen fließen schnell - ein kitschiger Rührfilm im Kino an der nächsten Ecke genügt. Das, was ich hervorbringen will, ist Wissen um das Grauen und Wissen um die Gefahr. Ich möchte, dass meine Zuhörer nicht so sehr hier und heute betroffen sind als vielmehr, dass diese Betroffenheit ihr ganzes Leben hindurch in ihnen wachgerufen werden kann."

"Vereine von Widerstandskämpfern sollten sich nie daran erschöpfen, des Widerstands von damals zu gedenken, sondern sie sollten stets auch für den Widerstand von heute kämpfen."

"Wir müssen aus unseren Irrtümern lernen"

"Überlebende müssen wie Seismographen sein. Sie müssen die Gefahr früher als andere wittern, in ihren Konturen erkennen und aufzeigen. Sie haben nicht das Recht, sich ein zweites Mal zu irren und für harmlos zu halten, was in einer Katastrophe münden kann."

"Wir müssen aus unseren Irrtümern lernen. Zu diesen Irrtümern zählt, dass wir glaubten, wir könnten dem Judenhass allein damit begegnen, dass wir uns durch Leistung Achtung verdienten." (APA)

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