Silvester mit Engelsflügeln

9. Jänner 2004, 12:07
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Literarisches zum Jahreswechsel - Eine Sammlung persönlicher "Favorites"

Jahreswechsel, Silvester und entsprechend viel Lärm: Was in der eigenen kleinen Welt so selbstverständlich wirkt, ist es nicht, und zwar weder was den Zeitpunkt, noch was den Lärm betrifft. Erst seit 1691, als Papst Innozenz III. den 1. Januar als Jahresanfang festsetzte, wurde eine für das träge "alte Europa" (Copyright: Donald Rumsfeld) typische Zerstrittenheit beseitigt: In Frankreich und in den Niederlanden galt bis 1556 das Osterfest als Jahresbeginn, die Schweizer gar blieben noch lange beim "alten Silvester" (11. oder 13. Jänner).

Und doch: Es ist nicht nur der Zusammenhang mit Wintersonnenwende und Weihnachten, was dem Jahreswechsel eine eigene Aura gibt. Es ist etwas anderes. Es ist das Thema. Es ist die Zeit selbst, Chronos. der Gott, dem man sich zum Jahreswechsel endgültig stellen muss.

Das ganze Jahr ist man vom Räderwerk der Zeit getrieben, gehetzt oder auch gelangweilt. Doch obwohl die Zeit alles treibt, wird sie nicht ins Bewusstsein übergeführt. An diesen zwei Tagen aber, zu Silvester und zu Neujahr, ist es unausweichlich, weil alle darauf starren. Die Reaktion: Mit Lärm wird die Zeit – in ihrem Schoß: Zukunftsangst und Verdrängung – als Untier behandelt, im früheren Aberglauben mit Peitschenknallen, im heutigen mit Krachern und Sektkorken.

Doch es geht auch nachdenklicher, poetisch: "Meine Zeit, mein Raubtier, deinem/Aug – hält ihm ein Auge stand?", fragt Ossip Mandelstam und macht mit der Entfaltung dieser Frage in seinem Gesamtwerk genau dies: Standhalten. Statt Verdrängung die Erinnerung, die Enttarnung auch der "lügenhaften Zeiten". Und dies gegen allen Widerstand, gegen politischen und auch gegen den betulichen aus Religion und Alltags-Umwelt:

"Der Lebenshauch, ich weiß, verebbt mit jedem Tage,/ein kleines noch, ein kleines – und/erstorben ist das Lied von Kränkung, Lehm und Plage,/ mit Blei versiegeln sie dir diesen Mund", heißt es in seinem (hier von Paul Celan übersetzten) Gedicht Der erste Januar 1924.

Auffällig oft thematisieren gerade die Großen der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts – Anna Achmatowa, Joseph Brodsky, Ossip Mandelstam, Marina Zwetajewa – den ersten Januar, den Tag, der im offiziell atheistischen Sowjetreich der große Feiertag, im inoffiziellen Schreib-Reich aber auch der Tag der Zeit war, auch der über sie alle hinwegrollenden Zeit und des Sprechens darüber.

Joseph Brodsky erklärte in einem späten Interview in New York seinen Drang, die Zeit der Jahreswende immer in Venedig zu verbringen, damit, dass sich dort im Wasser für ihn die Zeit materialisiere: "Wenn, wie es heißt, der Geist Gottes über den Wassern schwebte, so muss er sich, dachte ich früh, darin spiegeln." Diese Kippbilder zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, auch Leben und Tod, prägen schon seine frühen Gedichte zum Jahreswechsel, etwa 1. Januar 1965 (übersetzt von Sylvia List):

"Dein Name wird vergessen sein./Es leuchtet über dir kein Stern./Das Windgebell nur wirst du hörn/so wie in alter Zeit./Du legst den Schatten müde ab,/du löschst die Kerze vor dem Schlaf,/da uns das Leben viel mehr Nacht/als Kerzenlicht verheißt." Nach der Absage an die Zukunft und der Enttäuschung über ausbleibende Eltern-Geschenke von "oben" (Vater Staat oder Mutter Natur) nimmt dieses Gedicht aber eine Gegen-Wendung: "Für Wunder ist es schon zu spät./Als du den Blick zum Himmel hebst,/da fühlst du plötzlich, dass du selbst/die schönste Gabe bist."

er Volksglauben (keine Gattung ist ihm so nahe wie Lyrik) denkt stark an die Zukunft: Wie die Jahreswende, so werde das kommende Jahr (auch deshalb das große Essen und Trinken). Dichtung aber geht über Physis hinaus und ist nicht nur auf Zukunft, sondern auch auf Erinnern und Vergangenheit hin ausgerichtet.

So verbindet eine Eintragung Ilse Aichingers am Neujahrstag 1951 das Laub des vergangenen Jahres mit der Verheißung des künftigen – ohne Erinnerung ist auch das Künftige, ist Änderung, eben nicht zu haben: "Jahresanfang: Aus den Wurzelgruben der umgestürzten Eichen erheben sich die Erwachenden, die Engel, und verlassen die Gärten. Und übersteigen die Zäune mit geschlossenen Flügeln, an denen noch welkes Laub vom Vorjahr haftet – und Pfauenfedern. Und gehen Hand in Hand die Wege und nehmen die Erinnerung wie Schnee, der die Gruben füllt". (DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2003)

Von
Richard Reichensperger
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