Otto Breicha 1932-2003

8. Jänner 2004, 13:39
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Der Wiener Kunst- und Literatur-Multiplikator starb am Sonntagabend 71-jährig

Wien - Vielleicht erfordert heutiges Fachwissen das weitgehende Ausklammern von Nachbardisziplinen. Einer, der viele Bereiche, und zwar Literatur und bildende Kunst, aber auch Musik mit gleicher Verve erkannte und förderte, war Otto Breicha.

Nicht das Etablierte, Abgesegnete interessierte den 1932 in Wien geborenen studierten Philosophen, sondern jeweils Neues, Gewagtes. So entdeckte Breicha, durchaus eine Integrationsfigur der österreichischen Kunst- und Literaturszene vor allem der sechziger bis neunziger Jahre, einst sehr umstrittene Künstler wie Arnulf Rainer. Mit Andreas Okopenko gab er die erste Werkausgabe Hertha Kräftners heraus oder auch die Briefe Raoul Hausmanns.

Breicha arbeitete ab 1962 als stellvertretender Leiter der österreichischen Gesellschaft für Literatur. Er förderte, auch durch die 1966 mit Gerhard Fritsch erfolgte Gründung der Kunst- und Literaturzeitschrift Protokolle, Literaten wie Friederike Mayröcker und Wolfi Bauer, der ihn im Stück Magic Afternoon verewigte.

Druckreif, anekdotenreich und mit großem Humor erzählte der Fachmann mit Liebe zu Doppelbegabungen über die von ihm mitgeprägte Gruppe "Wirklichkeiten" - zuletzt vor einem Jahr im Kunsthaus Wien. Einem jungen Maler soll er (helfend) gefragt haben: "Was willst werden: reich oder berühmt?"

Breicha fungierte von 1962 bis 1970 als Kurier-Kunst- und Literaturkritiker, sieben Jahre lang als Leiter der Galerie Würthle, organisierte dort wie in der Galerie nächst St. Stephan und im Museum des 20. Jahrhunderts unzählige Veranstaltungen. Nicht in Wien, sondern in Graz und Salzburg leitete er maßgebliche Museen: Das Kulturhaus der Stadt Graz von dessen Gründung 1972 bis zur Schließung im Jahre 2000 sowie von 1983 bis 1997 das Rupertinum. Dort etablierte Breicha, der überaus hellsichtig und sehr früh das künstlerische Potenzial von Fotografie erkannte, eine öffentliche Fotosammlung. Seine eigenen Fotos, vor allem in den sechziger und siebziger Jahren entstandene Porträts, waren zum 70. Geburtstag Breichas erstmals im Rupertinum ausgestellt worden.

As Time goes by nannte er seine Schlussausstellung in Graz: Mit Breichas Tod endet auch ein großes Stück österreichischer Kulturgeschichte. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2003)

Von
Doris Krumpl
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Otto Breicha (Archivbild von 1997)

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