Pappkameraden aus dem "Struwwelpeter"

4. Jänner 2004, 20:48
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Das Theaterjahr klingt in Berlin trist aus: Michael Thalheimer und Claus Peymann enttäuschten völlig

Nach einem wenig ersprießlichen, oft verdrießlichen Theaterjahr gerät auch der Kehraus mit drei Inszenierungen am Deutschen Theater und Berliner Ensemble wenig begeisternd. Michael Thalheimer, allzu schnell hoch gelobt und allzu flink die Chancen nutzend, gerät mit seinem Regiesystem zunehmend in szenische und gedankliche Not. Wie ein Markenname hat sich sein Stil etabliert, der keine Handschrift mehr ist, sondern das allzeit Gleiche am für diese Strickart bestellten Stück.

Am Deutschen Theater war Lessings Emilia Galotti in dieser Darbietungsart noch eine Sensation, während Tschechows Drei Schwestern darin auf der Strecke blieben. Jetzt stülpt Thalheimer seine Manier, die nur noch Manie ist, auf Gerhart Hauptmanns Einsame Menschen. Ein Jugendstück wie das als weihnachtliche Familienkatastrophe im Ibsenschen Stil geschriebene Friedensfest mit nicht einmal 30 Jahren verfasst, ein Jahr später auch von Otto Brahm an dessen Freier Bühne festgefahrener Theaterkonvention entgegengesetzt, wird es nicht jünger, nur kälter. Und älter dazu, denn Reduktion und Kondensation bringen alle Figuren um Fleisch, Menschlichkeit, Sinnlichkeit. Der junge, egozentrische, egomanische Privatgelehrte, Spinner, Nichts- und Wichtigtuer Johannes wird bei Robert Gallinowski zum krankhaft hyperaktiven Irren, den weder die preußisch-protestantische Mutter (Barbara Schnitzler) noch der redliche Vater (Jörg Gudzuhn) noch sein Malerfreund (Ingo Hülsmann) lautstark davon abhalten können, seine Beziehung zum aufgeklärten, hier aber blass-uninteressanten Damenbesuch aus Zürich (Katharina Schmalenberg) abzubrechen.

Bloß Markenware

Während sich Gallinowski zunehmend ins Abseits brüllt und zappelt, gerät auf kunstvoll leise, anrührend innige, sympathisch lautere Art Nina Hoss als seine Frau ins Zentrum des Abends. Beseelt, nobel, still ist sie unter den Einsamen Menschen wirklich einsame Klasse. Henrik Ahrs Leuchtrahmen-Dreh- und Gassenbühne, Bert Wredes auf Sogwirkung zielender Soundtrack, es ist alles Markenware mit zunehmend kürzerem Verfallsdatum. Der begabte Mann braucht jetzt keine Aufträge, sondern Denkpausen zur Durchlüftung und kreativen Sanierung.

Ruhigere Durchdringung unter Verzicht auf Zeitgeist-Bemühung hätte auch den Vögeln des Aristophanes nebenan in den Kammerspielen notgetan. Sie wurden von Sören Voima, dem pseudonym und anonym agierenden Autorenkollektiv, mit Papst und Jesus, Globalisierung, smarter Börsenmaklerin, Baghwan-Aussteiger aufgepeppt, aber auch durch beliebige Musik und possierliche Computeranimation aufgeputzt. Die durch schöne Masken darstellerisch eher behinderten Schauspielschüler der Ernst-Busch-Hochschule kommen so aufgekratzt-munter über eine Fröhlichkeit nicht hinaus.

Hitler als Teufelchen

Aufgedonnert mit Schauspielern der Spitzenklasse wie Gudrun Ritter, Ilse Ritter, Traugott Buhre, gerät nicht minder trostlos, was Claus Peymann mit Thomas Bernhards Dramoletten am Deutschen Mittagstisch anstellt. Im Bühnenbild von Maria-Elena Amos schon auf Klamotten-und Bauerntheater festgelegt, werden die alten und neuen Nationalsozialisten zwischen protestantischer Nordsee und austro-katholischen Alpendörfern, zwischen kleinen Leuten und großen Präsidenten zu Pappkameraden aus dem Struwwelpeter, putzig-böse, ungefährlich.

Umgekehrt wäre es richtig gewesen: die manisch-bohrende Sprache gekonnt ernst und beim Wort nehmen, sie im unputzig normalen Ambiente vorführen, in unserer Welt, unseren Tagen. Das hätte dem Text seine bitterböse Kraft wiedergegeben. Nicht Hitler als Teufelchen überm Bühnenrahmen, sondern die NS-Teufel in und unter uns gilt es zu zeigen.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2003)

Von Lorenz Tomerius aus Berlin
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    Michael Thalheimer

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