Wie Theater die Mängel mit Namen kaschieren

2. Jänner 2004, 12:40
posten

Verlässlich heißlaufender Namensmarkt, dessen unsichtbares Kapital im (eingebildeten) Leumund der Kandidaten besteht

Während sich die Frage, ob ein klitzekleines Burg-Bambi schon für den ganz großen Skandal bürgt, nicht zur völligen Zufriedenheit der erregungserpichten Theaterfreunde geklärt werden konnte, geht die Masse der deutschsprachigen Stadttheater schon wieder zur Fünfjahresordnung über.

Sie salbt und schmückt nach alter Gewohnheit ihre künftigen Intendanten, deren Namen sich die Verwaltungsräte in den zuständigen Subventionsgremien wie Garantieformeln beflissen zuraunen. Während die Institute aufgrund ruinöser Preis- und Tarifentwicklungen ihre Butterberge herunterschmelzen sehen, verschieben wackere Kulturdezernenten, deren Kommunen derweil die Bäder, die Bibliotheken, die Volkshochschulen ersatzlos zusperren, Namenskärtchen mit erhabenem Prägedruck.

Es handelt sich um einen verlässlich heißlaufenden Namensmarkt, dessen unsichtbares Kapital im (eingebildeten) Leumund der Kandidaten besteht.

Wenn Frau Amélie Niermeyer eine tadellose Figur als Freiburger Theaterintendantin abgegeben hat, so muss sie wohl in Düsseldorf einen ebenso durchschlagenden Erfolg feiern! Wer, wie der untadelige Ostdeutsche Hasko Weber, mit seinen Ibsen-Inszenierungen keine Abonnenten verprellt, ohne deshalb schon der Genialität dringend verdächtigt zu werden - der taugt wohl auch dafür, Friedrich Schirmers heikles Leitungsamt am Staatstheater Stuttgart zu versehen.

Könnte nicht der Dorn-Schüler Elmar Goerden den nach Zürich entweichenden Matthias Hartmann am Pflasterstrand von Bochum bequem ersetzen? Und was wird aus dem Hamburger Thalia Theater, wenn Ulrich Khuon keine Lust - Martin Kusej aber vielleicht Temperament und Laune für die Stadt an der Alster entwickelt hat? Was sagt Jürgen Flimm zu alledem? Und bleibt Klaus Bachler überhaupt bis 2009 an der unverrückbaren Burg? Für dasjenige, wofür die wie Geld kursierenden Persönlichkeiten einstehen sollen, existiert schon längst kein Prägestock mehr.

Die Politik, die an das Konzept von der Rede- und Traumfreiheit auf der "Agora" der Staatstheaterbühne nicht mehr glauben mag, versteckt sich hinter dem Argument der Ökonomie. Irgendwie sollen die Intendanten die immergleichen Spagatleistungen erbringen: Akzeptanz mit altgewohnten Spielplänen erzielen, die Apparate verschlanken - und einen nachvollziehbaren Nimbus erwirtschaften, der schnurstracks in die Jahresbestenliste von Theater heute führt. Die Investition in die Zukunft besteht aus gemilderter Verfahrenstechnik. Abgebaut werden nicht so sehr Planstellen, sondern Fantasie - früher hätte man vielleicht den abgeschafften Begriff der "Utopie" ehrfürchtig in den Mund genommen.

In schönster Bestätigung konzernpolitischer Mimikry hievt man die Assistenten der Altprinzipale in die kaum noch ausgekühlten Direktionssessel in ihren Mahagonibüros - und nötigt sie zur Reproduktion alt und grau gewordener Konzepte, die allenfalls darin bestehen, die Ideen von ein paar Ausnahmekönnern (wie Christoph Marthaler) wegzuverdauen. Es erscheint zur Stunde wenig einsichtig, woher die Impulse für ein immer noch bürgerlich abgesichertes Genre kommen sollen, dass sich allmählich selbst in den Abgrund hineinverwaltet. Schon seit längerem sind die abgeschotteten Schmuckhäuser wirklichkeitsresistent. Mit einer durch nichts zu beeindruckenden Gefräßigkeit von urzeitlichen Tieren grasen sie die Etats ab, ohne die besondere Güte und Eigenart ihrer gewerblichen Anstrengungen überhaupt zu diskutieren. Noch halten sich qualifizierte Liebhaberzirkel in den zusehends zerfallenden Stadtmilieus, die ihren Theatern - oft genug aus reiner Gewohnheit - die Treue halten.

Aber, wie das aktuelle Beispiel des mit Sorgen überhäuften Wiener Josefstadt-Theaters lehrt: Die Geduld auch der treuherzigsten Thalia-Jünger ist erschöpflich. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2003)

Share if you care.