Richtschnur fürs Reden

4. Jänner 2004, 21:07
posten

Internet und Telefonie wachsen allmählich zusammen: In Zukunft erhält jede Telefonnummer eine eigene Internet-Telefonadresse. An dem dazugehörigen Standard wird international - mit starker österreichischer Beteiligung - noch getüftelt, doch die ersten Dienste sind schon auf dem Markt

Vor 1865 machte jede Morsebotschaft an den europäischen Landesgrenzen Halt, wurde abgeschrieben, über die Grenze getragen und aufs Neue eingetippt: Die einzelnen Telegrafennetze waren nicht kompatibel. So sah es bisher auch an der Grenze zwischen Internet und Telefonie aus. Innerhalb des Internets ist Telefonieren möglich: Es gibt Software, um den PC zum Telefon zu machen, eigene IP-Telefongeräte (s. Wissen) sind bereits recht erschwinglich. Und die Qualität der Sprachübertragung hat sich verbessert - auch weil immer mehr User über Breitbandanschlüsse wie Kabel oder ADSL surfen.

Kompliziert war jedoch der Sprung zum normalen Telefonsystem - das Telefonat zwischen Internet und Festnetz. Diese Lücke soll Enum schließen: Das "Electronic Number Mapping" weist Telefonnummern ein Pendant zu - eine Internet-Telefonadresse, die auch mit E-Mail-Adressen oder Chat-Kennungen verknüpft werden kann.

Die Enum-Arbeitsgruppe in Österreich - an der unter anderem die heimische Internetverwaltung nic.at, die Telekom Austria, Internetprovider und Telekomregulierungsorganisationen mitarbeiten - baute 2002 den weltweit ersten erfolgreichen Enum-Test auf. Mittlerweile haben 21 Länder eine Enum-Vorwahl beantragt. In Schweden findet ein groß angelegter Versuch statt, in Deutschland bieten bereits erste Firmen Enum-Dienste an.

Länderübergreifend wird in verschiedenen Arbeitsgruppen an einem allgemeinen Enum-Standard getüftelt. Wobei auch hier die Welten der Telefonie und des Internets zusammenarbeiten müssen, insbesondere die ITU (International Telecommunication Union) und die IETF (Internet Engineering Task Force). Die ITU, die älteste internationale Organisation überhaupt, entwickelt technische Standards für Rundfunk und Telefon. Sie wurde 1865 gegründet, nachdem sich 20 Länder in Paris erstmals auf ein einheitliches Telegrafensystem geeinigt hatten. Später wurde sie Teil der UNO. Die Entwicklung des Internets hat die etwas behäbige Organisation jedoch verschlafen.

Sie bekam rasch Konkurrenz: Die IETF übernahm die Entwicklung von Internetstandards. Bei der IETF hat prinzipiell jeder Zugang auch ein Stimmrecht: Vorschläge werden auf den Konferenzen vorgestellt, die Teilnehmer können durch "Humming" (Summen) darüber abstimmen. 2004 will die IETF einen neuen Enum-Standard herausbringen.

Blockade möglich

Davor müssen in der ITU noch einige Fragen geklärt werden. Und dort laufen die Abstimmungen anders: Im Standardisierungsgremium sitzen 188 Ländervertretungen, Firmen und Organisationen können sich um etwa 40.500 Euro pro Stimme das Stimmrecht erkaufen. Jedes Land kann einen neuen Standard blockieren. Beispielsweise lehnten Syrien, Deutschland und China ein Detail der Verwaltung von Enum-Adressen ab: Sie forderten einen neuen Adressbereich (Domain), der unter Kontrolle der ITU stehen soll. Mit der Domain "e164.arpa" dürfte man einen Kompromiss gefunden haben. Vor der Endung e164.arpa findet sich dann die Telefonnummer rückwärts: Der STANDARD-Telefonnummer (+431 53 170-0) ist die Internet-Telefonadresse 0.0.7.1.3.5.1.3.4.e164.arpa zuzuordnen (die dann auf derStandard.at und die Mail-Adresse redaktion@derStandard.at verweisen könnte). Neben Ländervertretern sind auch die meisten großen Telekommunikationsunternehmen in den Gremien vertreten. Während manche aktiv mitarbeiten, würden andere lieber blockieren. Denn Enum könnte das Geschäftsmodell der Telkos auf den Kopf stellen: Im Internet telefoniert man gratis, die Festnetz-Umsätze könnten drastisch sinken (wenn die Sprachqualität bei Internettelefonaten besser wird).

Zuvor sind auch administrative Probleme zu lösen. Beispielsweise darf nur der Besitzer einer Telefonnummer die dazu passende Enum-Nummer erhalten. Und die Enum-Nummer muss gesperrt werden, sobald er seinen Anschluss wechselt - eine schwierige Aufgabe, denn in Österreich gibt es keine zentrale Telefonnummern-Datenbank. Vorläufig will man daher auf eine eigene Vorwahl ausweichen: +43780 soll noch 2004 für österreichische Enum-Nummern freigegeben werden, international ist +87810 im Gespräch. (Heidi Weinhäupl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2003)

Share if you care.