Mit Warp-Antrieb zur Future Ice Cream

4. Jänner 2004, 21:07
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Sciencefiction hat die Raumfahrt-Forschung immer beflügelt und dabei auch die PR-Rolle in der Bevölkerung übernommen

Was einst vielleicht futuristisch empfunden wurde, wirkt heute auf charmante Weise komisch: Die nun als Kinofilm reanimierte Uraltserie Raumpatrouille Orion (1966) mit ihrem Design aus Duschköpfen, Wasserhähnen oder Bügeleisen hat so Kultstatus erreicht. Aber auch bei Sciencefictionklassikern wie dem Stummfilm Frau im Mond (1928) von Fritz Lang setzen Fans heute einen verklärten Blick auf. Und fern jeder Romantik haben diese und andere Werke eine nicht zu unterschätzende Bedeutung: Der Physiker Martin Tajmar meint, Sciencefiction hätte die Entwicklung der Raumfahrt in bestimmten Bereichen entscheidend beeinflusst. Tajmar hat in Seibersdorf unter anderem ein Triebwerk entwickelt, das eine genaue Positionierung von Satelliten im Weltall ermöglicht.

Verständnis wecken

Der Flug auf den Mond, schon von Jules Verne beschrieben, das Leben im All, Thema vieler Romane, Filme und Serien, lange bevor überhaupt die Idee zur Internationalen Raumstation ISS entstand: Sciencefiction habe beim Publikum Verständnis für neue Entwicklungen und Tests geschaffen, noch eher die beschriebenen All-Abenteuer angesichts des technischen Fortschritts auch realisierbar waren. Sie sei dadurch immer so etwas wie die Öffentlichkeitsarbeit für die Weltraumforschung, so Tajmar. Dabei habe immer eine Art gegenseitige Inspiration stattgefunden. Schriftsteller und Filmemacher wollten ihr Werk so realistisch wie möglich gestalten, um das Publikum zu beeindrucken, und heuerten daher Forscher an, sagt Tajmar.

Rakete zu echt

Lang zum Beispiel zog als wissenschaftlichen Berater Hermann Oberth heran, dessen 1923 publiziertes Buch Die Rakete zu den Planetenräumen ihn fasziniert hatte. Oberth leitete übrigens später die von den Nationalsozialisten mit Nachdruck verfolgte Raketenentwicklung in Peenemünde. Offenbar zeigte Oberths Engagement bei Lang Wirkung: Die Filmrakete von Frau im Mond ähnelte so sehr den späteren Versuchen, dass der Film im Dritten Reich verboten wurde.

Tajmar erzählt, deutsche Raketenentwickler wie Werner von Braun hätten schon damals mit der Öffentlichkeit gespielt und ihr Interesse für die wissenschaftliche Arbeit durch Showeinlagen geweckt - natürlich auch, um die politischen Hintergründe zu verschleiern. Die Zündung einer echten Rakete vor Publikum war jedenfalls in den 20er-oder 30er-Jahren noch eine Sensation. Heute ist die Nasa (National Aeronautics And Space Administration), bei der von Braun später einer der führenden Köpfe war, in Sachen Spaßfaktor natürlich noch erfinderischer - und wenn es sich nur um die Entwicklung einer Future Ice Cream handelt. Die Nasa habe eine große Abteilung für derartige Fragen, sagt Tajmar. Die europäische Raumfahrt sei viel elitärer.

Bei aller Begeisterung für Visionen, die Autoren und Regisseure hatten und nach vielen Jahren Realität wurden - der Wissenschafter Tajmar zieht natürlich auch die Bremse, wenn er von in der Populärkultur beschriebenen Weltraumabenteuern berichtet: Der im Raumschiff Enterprise etwa verwendete Warp-Antrieb sei nur möglich, wenn ein Zehntel der Energie des gesamten Universums zur Verfügung stünde.

Beim Thema Zeitreisen wird Tajmar wieder nachdenklicher. Wenn es sich nicht um Sprünge in andere Epochen oder Jahrhunderte (Zurück in die Zukunft) handle, könne er sich schon eine Realisierung vorstellen: In einem Raumschiff, das mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sei, würde die Zeit langsamer vergehen als auf der Erde, sagt Tajmar. Man verändere den Fluss der Zeit (wie etwa in H. G. Wells' Zeitmaschine) und reise so langsamer als mit anderen Transportmitteln - und altere damit auch langsamer als anderswo. Klingt nach Inspiration für weitere Sciencefiction-Abenteuer. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2003)

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