Kommentar: Aus fürs billige Beef

1. Jänner 2004, 21:14
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Immer noch ist die tatsächliche Gefahr, die von BSE für den Menschen ausgeht, nicht abzuschätzen - von Eric Frey

Es ist ein altbekanntes Ritual: In irgendeinem Land wird ein BSE-krankes Rindvieh entdeckt. Daraufhin schließen alle Handelspartner ihre Märkte für die Rindfleischexporte. Der Landwirtschaftsminister versichert, das Fleisch sei sicher, das kranke Tier bloß ein Einzelfall. Dennoch räumen die Supermärkte die Regale, der Fleischkonsum bricht ein, und die Rinderbauern erleiden horrende Verluste.

Nachdem die USA immer wieder Rindfleischimporte aus der EU, Kanada und Japan wegen BSE gestoppt haben, war es nicht verwunderlich, dass Europäer und Japaner auf den Rinderwahn in den USA genauso reagiert haben. Das hat weniger mit tatsächlichen Risiken für die Volksgesundheit zu tun als mit dem dringenden Bedürfnis, das Konsumentenvertrauen in die eigenen Fleischerzeugnisse nicht zu gefährden. Außerdem bietet ein BSE-Alarm im Ausland eine gute Gelegenheit, die eigenen Rinderbauern vor Konkurrenz zu schützen und Rache für die schlechte Behandlung zu üben, die einem selbst widerfahren ist, als man mit BSE in die weltweiten Schlagzeilen geriet.

Tatsächliche Gefahr nicht abzuschätzen

Immer noch ist die tatsächliche Gefahr, die von BSE für den Menschen ausgeht, nicht abzuschätzen. Die 1996 in Großbritannien vorausgesagte Welle von Todesfällen durch BSE-verursachte Creutzfeld-Jacob-Erkrankungen ist bisher nicht eingetroffen - vielleicht kommt sie nie, vielleicht dauert bloß die Inkubationszeit noch an. Jedenfalls wurden dank der BSE-Panik die schlimmsten Missstände in der europäischen Rinderzucht beseitigt. Die routinemäßigen BSE-Tests verursachen zwar Mehrkosten, sind aber ein akzeptabler Preis für die Gewissheit, dass kranke Tiere nicht in den Nahrungskreislauf gelangen.

Die USA haben inzwischen ihren Kopf in den Sand gesteckt, ihre Rinder nur gelegentlich getestet und dann behauptet, dass das Land ohnehin BSE-frei sei. Dabei ist die Gefahr einer Rinderwahn-Epidemie in den USA genauso groß wie in Europa: Die Fütterungspraktiken, die der Krankheit etwa in Großbritannien die Ausbreitung ermöglicht haben, waren lange Zeit auch in der US-Rindfleischindustrie gang und gäbe. Effektive Kontrollen gibt es dank der mächtigen Fleischlobby kaum, und auch die kostenbewusste Fastfood-Industrie sorgt dafür, dass ihre Fleischrechnung nicht durch allzu strikte Auflagen steigt.

Seit Jahren verweigert die EU den Import von amerikanischem Rindfleisch wegen den dort eingesetzten Wachstumshormonen und nimmt dafür sogar Strafzölle in Kauf. Ob Hormone tatsächlich die Gesundheit gefährden, bleibt umstritten, aber allein der nonchalante Umgang mit BSE hätte der EU guten Grund gegeben, US-Rindfleisch nicht hereinzulassen.

Wenn die US-Behörden jetzt versuchen, die Schuld an BSE den Kanadiern in die Schuhe zu schieben, dann gehen sie am Kern des Problems vorbei. Die größte Rindfleischnation der Welt muss endlich damit beginnen, für anständige Zucht- und Schlachtbedingungen zu sorgen und flächendeckend auf BSE zu testen - auch wenn dies das Aus fürs billige Beef bedeutet. (Der Standard, Printausgabe, 19.12.2003)

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