Unendliche Gerechtigkeit - jetzt!

7. Jänner 2004, 17:42
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Müsste man nicht, nimmt man den Begriff der Gerechtigkeit ernst, nun auch die Propagandisten des Antiterrorkrieges vor Gericht stellen? - Kommentar der anderen von Slavoj Zizek

Die Bildersprache zu Saddam Husseins Festnahme war gewiss gut gewählt: endlos wiederholte Bilder von seiner medizinischen Untersuchung - der Arzt inspiziert seine Haare (auf Läuse?) und schaut in seinen Mund (sicher auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen!). Weit über die Untersuchung eines verlotterten, heimatlosen alten Mannes hinaus beschwören diese Bilder Erinnerungen an die Nazis, die einen Juden während einer Getto-Razzia untersuchen. Das Ziel dieses Einsatzes war klar (die "Entzauberung" von Saddam, indem man ihn als elenden Abschaum darstellt). Aber man darf nicht vergessen, dass es die US-Propaganda war, die das, was jetzt entzaubert wird, zuerst einmal geschaffen hat - den Dämon Saddam als überlebensgroße Inkarnation des Bösen -, indem sie einen elenden lokalen Gauner zu einer monströsen Überfigur stilisierte.

Die Parallele zur Figur des Juden in der Nazi-Propaganda hat auch hier ihre Gültigkeit: In beiden Fällen oszilliert die Figur zwischen dämonischem Monster und machtlosem Gauner. Einmal demaskiert, wird das allmächtige schaurige Monster zu einem Schmutzfleck, der darauf wartet, ausradiert zu werden.

Sollten wir daher so reagieren wie Kardinal Renato Martino, Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden? Er erklärte, dass er Erbarmen mit Saddam habe und dass die Welt verschont hätte bleiben sollen von den Bildern seiner medizinischen Untersuchung nach der Festnahme: "Ich habe Mitleid, wenn ich sehe, wie bei diesem zerstörten Mann wie bei einer Kuh die Zähne untersucht werden. Ich habe diesen Mann in seinem Unglück gesehen . . . und ich hatte ein Gefühl des Erbarmens."

Martinos Eindruck war richtig. Eine Gruppe wütender und verzweifelter Irakis hätte jedes Recht der Welt, Saddam einfach zu lynchen - nicht aber die US-Regierung, weil offenkundig ist, was sie getan hat.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Saddams Regierung ein abscheuliches, autoritäres Regime war, schuldig an vielen fürchterlichen Verbrechen, die meisten am eigenen Volk begangen. Dennoch muss die zentrale Tatsache festgehalten werden, dass die Vertreter der USA bei der Aufzählung der bösen Taten Saddams systematisch verschwiegen (oder zumindest herunterspielten), was Saddams größtes Verbrechen war: der Angriffskrieg gegen den Iran - warum wohl? Weil die USA und die Mehrheit des Auslands den Irak bei dieser Aggression aktiv unterstützt haben ...

Blinder Fleck

Jetzt oder nie ist es an der Zeit, sich des Nahverhältnisses zu erinnern, das zwischen dem Irak und den USA während des Krieges zwischen dem Irak und Iran geherrscht hat, als Ronald Reagan Donald Rumsfeld nach Bagdad geschickt hat, um die Details der Kollaboration zwischen den USA und dem Irak auszuarbeiten. 1982 hat das US-Außenministerium den Irak von der Liste jener Staaten gestrichen, die Terrorismus unterstützen. 1986 haben die USA im Sicherheitsrat ihr Veto eingelegt gegen eine Verurteilung des Irak wegen des Einsatzes von Giftgas gegen iranische Soldaten. Die USA haben Giftgas geliefert und Dow Chemical hat inoffiziell zugegeben, dass der Einsatz gegen Zivilisten zwar nicht tolerierbar, gegen iranische Soldaten aber zu rechtfertigen sei, weil ja das Überleben des Irak auf dem Spiel stünde.

Daher ist es auch kein Wunder, dass der 11.800-seitige Bericht über die Massenvernichtungswaffen, den der Irak im Dezember 2002 vorgelegt hat, zuerst von den USA gefiltert wurde und dass dann, als er den Vereinten Nationen vorgelegt wurde, Tausende Seiten fehlten - nämlich just jene, die die Kollaboration zwischen den USA und Irak dokumentierten! Das ist es, was Jacques Lacan meinte, als er in seinem Seminar XI schrieb: "Das Bild ist sicherlich in meinem Auge. Aber ich, ich bin in diesem Bild." Ich bin im Bild unter dem Deckmantel des blinden Flecks, unter dem Deckmantel dessen, was aus dem Bild entfernt worden ist.

Nach 9/11 war der erste Code-Name für den Krieg gegen den Terrorismus "Infinite Justice" (Unendliche Gerechtigkeit). Der Name wurde später geändert, als Reaktion auf Vorwürfe US-islamischer Geistlicher, dass nur Gott alleine unendliche Gerechtigkeit ausüben könne. Ernst genommen, ist der Name zutiefst zweideutig - philosophisch ausgedrückt, geht es dabei um "Kant oder Hegel". Entweder bedeutet diese Worte, dass die Amerikaner das Recht haben, nicht nur unbarmherzig alle Terroristen zu zerstören, sondern auch all jene, die diesen materiell, moralisch, ideologisch etc. Hilfe geleistet haben - und dieser Prozess ist per definitionem end-los im präzisen Sinn der Hegelschen "schlechten Unendlichkeit", da das Werk wird nie wirklich vollendet sein kann (es wird immer eine weitere terroristische Bedrohung da sein, und tatsächlich hat Dick Cheney im April 2002 deutlich gesagt, dass der "Krieg gegen den Terror" vielleicht nie zu Ende gehen wird). Oder diese Worte wollen ausdrücken, dass die ausgeübte Gerechtigkeit wirklich unendlich ist, indem sie auch auf sich selbst Bezug nimmt, d.h., indem sie die Frage zulässt, inwieweit wir selbst, die wir diese Gerechtigkeit ausüben, an dem, wogegen wir kämpfen, beteiligt sind.

Frei von Schuld?

Als Jacques Derrida am 22. September 2001 den Adorno-Preis erhielt, bezog er sich in seiner Rede auf die Bombenanschläge auf das World Trade Center. "Mein bedingungsloses Mitleid, das den Opfern des 11. September gilt, hindert mich nicht daran, folgendes laut zu sagen: Was dieses Verbrechen betrifft glaube ich nicht, dass irgendjemand im politischen Sinne frei ist von Schuld." Dieser Selbstbezug, dieses Miteinschließen von sich selbst in dieses Bild ist die einzig wahre "unendliche Gerechtigkeit". Die wahre Frage der Gerechtigkeit lautet folglich: Nachdem Saddam vor Gericht gebracht werden wird, wer macht dann den Kriegern gegen den Terror selbst den Prozess? (DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2003)

Slavoj Zizek, geboren 1949 in Ljubljana, ist Philosoph und Psychoanalytiker. Zuletzt publizierte er etwa bei Passagen: "Plädoyer für die Intoleranz".
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    "Infinitive Justice" nach Lesart der US-Regierung: Irak-Zivilverwalter Paul Bremer betrachtet die erkennungsdienstliche Vorführung des Exdikators auf dem Videoschirm.

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