Terror und die Interessen dahinter

29. Dezember 2003, 11:58
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Noam Chomsky seziert das amerikanische Bewusstsein und die Rolle der USA in der Welt

Das Ziel der USA, dem Terrorismus ein Ende zu bereiten, ist bisher nicht erreicht worden. Welche Ziele haben sie tatsächlich erreicht?

Chomsky: Eines der dringlichsten politischen Ziele seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Kontrolle über wichtige Energiereserven im Persischen Golf. Das System von Militärbasen, vom Pazifik bis zu den Azoren, ist ein Abbild dieses Ziels. Die Basen im Irak stellen diesbezüglich eine wichtige Errungenschaft für die US-Macht dar, genauso wie die Stärkung ihrer Rolle in der internationalen Rivalität um die Kontrolle zentralasiatischer Ressourcen - Nachrichtenagenturen und unabhängige Experten haben vorausgesagt, dass ein Einmarsch im Irak die Bedrohung durch einen islamistischen terroristischen Gegenschlag erhöhen würde, und nun berichten sie, dass sich diese Voraussagen bewahrheiten würden. Wenn der Schutz der Bevölkerung vor dem Terror Priorität hätte, würde die US-Regierung eine andere Politik verfolgen. Und das hätte sie schon seit 1993 getan, als Al-Kaida-nahe Gruppen - die damals offenbar unter dem Schutz der CIA standen - fast das World Trade Center in die Luft gejagt hätten.

In Ihrem Buch "Media Control" (Europa Verlag) heißt es, dass der Kampf gegen den Terrorismus bereits unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan begonnen hätte. Wie hat sich dieser Kampf seit damals gewandelt, besonders wenn man an die Vorstellungen denkt, die die USA von den Ländern im Nahen Osten haben?

Chomsky: Als die Reagan-Regierung 1981 ihr Amt antrat, kündigte sie an, dass ein wesentlicher Aspekt ihrer Außenpolitik der Kampf gegen den Terrorismus sei, vor allem gegen den staatlich subventionierten internationalen Terrorismus. Das primäre Ziel war Zentralamerika. Jeder, der über gesunden Menschenverstand verfügt, musste wissen, dass sich der "Krieg gegen Terrorismus" in einen gemeinen und brutalen Terrorkrieg verwandeln würde, der schließlich drei Länder in Schutt und Asche legte und ein viertes beinahe zerstörte. Darüber müssen wir nicht diskutieren.

Als Nicaragua von den USA in Mitleidenschaft gezogen wurde, warf es allerdings keine Bomben auf Washington, sondern wandte sich an internationale Institutionen. Die USA wurden daraufhin vom Internationalen Gerichtshof verurteilt. Dieses Urteil wurde von einer Resolution des Sicherheitsrats bestätigt, die ebenfalls alle Staaten aufforderte, sich an die internationalen Bestimmungen zu halten. Die USA reagierten mit der Missachtung des Urteils, einem Veto gegen die Resolution, der Eskalation des Krieges, und setzten ihre Unterstützung des staatlichen Terrors woanders in der Region fort.

Dieselbe Geschichte spielte sich im Mittleren Osten, in Südafrika, Südostasien und anderswo ab. Viele von denen, die damals verurteilt worden waren, betreiben heute den "Krieg gegen den Terror", den sie am 11. September wiederholt und mit derselben Rhetorik erklärt haben. Nochmal: Die grundsätzliche Geschichte ist kaum umstritten.

Natürlich steht das alles im Widerspruch zur gängigen Meinung. Das hängt mit dem Gebrauch des Wortes "Terror" zusammen: Der Begriff bezeichnet landläufig den Terror anderer gegen uns und nicht umgekehrt - was oft der schlimmere Terror ist. Das kommt wahrscheinlich einem historischen Universalismus im intellektuellen Mainstream nahe. Es gibt einige wenige Ausnahmen, die Türkei etwa, wo führende Künstler, Wissenschafter, Journalisten, Publizisten den Terror des eigenen Staates anprangern und schwere Strafen in Kauf nehmen. Das ist ungewöhnlich. Und denen, die in freien Gesellschaften leben, sollte es bei diesem Vergleich die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Der gegenwärtige "Krieg gegen den Terror" hat neue Formen entwickelt, weil sich die Umstände verändert haben. Teilweise bekämpft er tatsächlichen Terror. In vielen Fällen aber handelt es sich nur um einen Vorwand für Staatsterror, und das nicht nur in den USA: Man denke an den Krieg in Tschetschenien. Die Vorstellungen von einem Staat verändern sich, wie sich die Politik ändert. Denken Sie an Saddam Hussein. Die USA strichen 1982 den Irak von ihrer Liste der Terrorstaaten, um Saddam unterstützen zu können, Mittel zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen inklusive. Hilfe leistete man bis lange nach dem Krieg mit dem Iran, weil wir US-Exporteure unterstützen müssten, wie die damalige Bush-Regierung erklärte.

Als Saddam allerdings die Order missachtete (oder vielleicht missverstand) und in Kuwait einmarschierte, machte man aus dem Freund eine Reinkarnation Hitlers. Dabei war noch das Massaker 1991 autorisiert, das er anrichtete, um einen Schiiten-Aufstand zu unterdrücken, der ihn vielleicht sein Amt gekostet hätte. Die US-Regierung und die Presse verkündeten damals trocken, dass das zur "Stabilität" beitragen würde. Die Wogen können also schnell umschlagen, je nachdem, welche Interessen gerade im Vordergrund stehen.

Nun sagen Sie in Ihren Büchern aber auch, dass die amerikanischen Medien stark von ökonomischen Interessen beeinflusst sind und für Regierungspropaganda missbraucht werden. Welche Fähigkeiten muss der Leser oder Zuseher dann entwickeln, um zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden zu können?

Chomsky: Das stimmt nicht ganz. Das sage nicht nur ich, sondern jeder, der nur ein wenig über die Medien nachdenkt. Die amerikanischen Medien sind riesige Unternehmen, die letztlich nichts anderes tun, als ein Produkt zu verkaufen. Es würde also an ein Wunder grenzen, wenn sie nicht von den Interessen der Käufer und Verkäufer beeinflusst wären. Tatsächlich gibt es überwältigende Evidenz, dass diese natürliche Annahme stimmt. Ich sage nicht, dass die Medien für Regierungspropaganda missbraucht werden. Außer Zweifel steht hingegen, dass sie Regierungspropaganda unkritisch wiedergeben. Das müssen sie nicht, es steht ihnen in einer Gesellschaft wie jener in den USA frei, wo die Regierung glücklicherweise wenig Zwang ausüben kann. Welche Fähigkeiten die Medienkonsumenten entwickeln müssen, um sich dafür zu sensibilisieren, ist leichter gesagt als getan. Was wir brauchen, ist ein Commonsense, ein Verständnis für die institutionellen Strukturen, in denen die Medien funktionieren und eine konstruktiv-skeptische Einstellung gegenüber allem - einschließlich dem, was ich hier sage.

Es scheint, als gebe es zwei Noam Chomskys: den Sprachwissenschafter und den politischen Aktivisten. Was hat den Wissenschafter bewogen, sich in einer Weise mit Politik auseinander zu setzen, wie Sie das tun?

Chomsky: Diese Frage stellt sich gar nicht, denn wenn ich das tue, was ich eben gerade tue, setze ich mich nicht mit Problemen der Sprachwissenschaft auseinander. Nebenbei bemerkt war ich politischer Aktivist schon lange, bevor ich irgendetwas über Sprachwissenschaft gehört hatte. Jemand mit bestimmten beruflichen oder wissenschaftlichen Interessen hört deswegen nicht auf, ein Mensch zu sein und sich um menschliche Dinge zu kümmern.

Welche Zusammenhänge zwischen Sprache und Politik gibt es?

Chomsky: Auf jeden Fall keine, die über das Offensichtliche hinausgehen. Natürlich versuchen Machtsysteme die Sprache für ihre Interessen zu manipulieren. Der landläufige Gebrauch des Wortes "Terror", wie ich vorhin erklärt habe, ist ein Beispiel dafür. Aber dieses Phänomen dürfte jedem klar sein.

Sie standen einst auf Richard Nixons schwarzer Liste. Wie definieren Sie heute Ihre Rolle in der amerikanischen Gesellschaft?

Chomsky: Das war nicht mehr als ein Scherz. Niemandem, der auf der Liste stand, passierte etwas. [Damals] wurde auch aufgedeckt, dass das FBI über vier Präsidentschaftsperioden hindurch illegale Operationen gegen kleine linke politische Parteien, Bewegungen der Schwarzen und der Frauen, die gesamte "Neue Linke" durchgeführt hatte und an der Ermordung Fred Hamptons von der Black-Panther-Bewegung beteiligt gewesen war. Die "Counter Intelligence Programs" des FBI erhitzten kaum die Gemüter, obwohl sie für jeden, dem Freiheit und Demokratie etwas bedeuten, weit größere Bedeutung haben müssten als die Watergate-Affäre und Nixons Feindesliste. Die Schlussfolgerungen daraus liegen auf der Hand.

(ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.12.2003)

Link

noam-chomsky.com

Noam Chomsky hat mehr als 70 Bücher und über 1.000 Artikel publiziert, darunter "Media Control", "Profit Over People", "Offene Wunde Nahost" oder "The Attack" (alle im Europa Verlag erschienen). In seinem jüngsten Buch "Hybris" befasst sich Chomsky mit der Vormachtstellung der USA in der Welt. Hauptanliegen seiner politischen Arbeit ist die Kritik und Analyse von Autoritäts- und Machtstrukturen sowie die Medien und ihre Bedeutung für die Manipulation der Bürger.

Mit Noam Chomsky sprach Ernst Grabovszki, Redakteur im Hauptverband des Österreichischen Buchhandels und Lehrbeauftragter am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien.

  • Noam Chomsky, 1928 in Philadelphia geboren, studierte Linguistik und arbeitet seit 1955 am Massachusetts Institute of Technology, wo er seit 1975 eine Professur auf Lebenszeit innehat. Die von ihm begründete "Transformationsgrammatik" erlaubt eine kulturübergreifende Beschreibung sprachlicher Systeme.
    foto: www.noam-chomsky.com

    Noam Chomsky, 1928 in Philadelphia geboren, studierte Linguistik und arbeitet seit 1955 am Massachusetts Institute of Technology, wo er seit 1975 eine Professur auf Lebenszeit innehat. Die von ihm begründete "Transformationsgrammatik" erlaubt eine kulturübergreifende Beschreibung sprachlicher Systeme.

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