Ein Land im Chaos

7. Jänner 2004, 17:42
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Nichts bräuchte Serbien derzeit dringender als ein bisschen Stabilität und Zuversicht befindet Gerhard Plott in seinem Kommentar

Nichts bräuchte Serbien derzeit dringender als ein bisschen Stabilität und Zuversicht. Premierminister Zoran Djindjic fiel einem Attentat zum Opfer. Dreimal in Folge waren die Präsidentschaftswahlen wegen zu geringer Wahlbeteiligung gescheitert. Die tief zerstrittene Regierungskoalition musste Neuwahlen ausschreiben, weil ihr die Mehrheit im Parlament abhanden gekommen war. Das Land ist führerlos.

Die Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Es mangelt sogar an Grundnahrungsmitteln. Wie die jüngsten Statistiken zeigen, sind die Erträge bei Weizen, Mais oder Zuckerrüben auf das Niveau des Jahres 1960 gesunken. Die Welternährungsorganisation FAO hat sogar darauf hingewiesen, dass Serbien zu den von Hunger bedrohten Staaten gehört.

Völlig offen ist die Zukunft der von der EU verordneten Staatenunion zwischen Serbien und Montenegro. Die Abspaltung des Kosovo als künftig unabhängiger Staat kündigt sich an. Die serbische Bevölkerung fühlt sich von den Reformkräften, die nach dem Sturz des Diktators Slobodan Milosevic an die Macht kamen, betrogen und resigniert. Nur die Mafia funktioniert nach wie vor und sogar ethnisch übergreifend.

Wen wundert es da, wenn die serbischen Ultranationalisten angesichts des blanken Chaos und der Misswirtschaft bei der Parlamentswahl am Sonntag fette Beute einfahren werden. Für populistische Parolen sind die Serben in ihrer Not eben äußerst empfänglich. Schuld an dieser Malaise sind in hohem Maß die demokratischen Parteien und ihre eklatante Unfähigkeit zum Kompromiss: Im Bestreben, selbst nur ja kein Quäntchen Macht aufzugeben, wurde stets der Eigennutz dem Gemeinwohl vorgezogen. Werbung für Demokratie haben die serbischen Demokraten bisher nicht gemacht, jetzt ernten sie die Früchte.

(DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.12.2003)

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