Es wird ein schlechtes gutes Jahr

7. Jänner 2004, 17:42
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Die Weltwirtschaft wächst wieder, doch die Hausaufgaben bleiben liegen - Ein Kommentar von Eric Frey

Man kann es bereits mit Bestimmtheit sagen: Das neue Jahr wird in wirtschaftlicher Sicht besser als das alte. Der lang ersehnte Aufschwung ist in den USA in vollem Gange und beginnt auch in Europa zu greifen. Selbst in Japan, von wo viele Jahre hauptsächlich enttäuschende Nachrichten gekommen sind, gibt es zahlreiche positive Signale.

Handfeste Gründe für den neuen Optimismus sind allerdings dünn gesät. Weder erweckt die Wirtschaftspolitik in den USA oder den großen EU-Staaten besonderes Vertrauen, noch sind - wie etwa in den Neunzigerjahren - neue Technologien in Sicht, die dem Produktivitätswachstum neuen Schwung verleihen können. Die Hauptursache für den kommenden Aufschwung ist paradoxerweise die frustrierende Länge der jüngsten Schwächeperiode, die es dank der zyklischen Natur der Marktwirtschaft beinahe unumgänglich gemacht hat, dass Unternehmen wieder zu investieren beginnen und dadurch neue Arbeitsplätze schaffen.

Bessere Konjunkturdaten dürften die Stimmung der Bürger heben und den Politikern Anlass für selbstzufriedene Bilanzen geben. Sie werden die rot-grüne Regierung in Deutschland wieder etwas populärer machen und könnten George W. Bush zur Wiederwahl verhelfen. Sie werden die Budgetzahlen in der Eurozone verbessern und damit die EU-internen Spannungen über den Stabilitätspakt verringern. Auch Österreich wird sich eine kräftige Steuersenkung leisten können, ohne dass das Staatsbudget allzu tief in den roten Zahlen versinkt.

Doch selbst wenn das Wachstum die derzeit noch vorsichtigen Prognosen übertrifft und das Jahr 2004 sich als echtes Boomjahr erweist - die längerfristigen Strukturprobleme der Wirtschaft werden dadurch nicht gelöst und die Ungleichgewichte nicht beseitigt. Im Gegenteil: Die besseren Zahlen dürften den Druck auf die Regierungen verringern, ihre Hausaufgaben endlich zu machen. Es läuft auch so, werden sich viele Entscheidungsträger sagen, wenn sie von ihren Wirtschaftsberatern wieder mit politisch unangenehmen Empfehlungen konfrontiert werden.

In den USA sind es die hohe Verschuldung der privaten Haushalte, das seit 2001 rasant gewachsene Haushaltsloch und das dramatische Defizit in der Leistungsbi- lanz, die der Bush-Regierung eigentlich schlaflose Nächte bereiten sollten. Der US-Aufschwung ist auf das von der Federal Reserve künstlich niedrig gehaltene Zinsniveau, überhöhte Immobilienpreise sowie auf all jenes ausländische Kapital aufgebaut, das trotz des massiven Rückgangs des Dollars weiterhin ins Land strömt. Wenn es einmal versiegt, dann ist die nächste Blase bereit zu platzen.

Europa hat ganz andere Probleme. Leben die Amerikaner über ihre Verhältnisse, so schöpfen die Europäer weiterhin ihr ökonomisches Potenzial nicht aus, weil viele keine Arbeit haben und andere zu wenige Stunden arbeiten, weil viel versprechende Unternehmen erst gar nicht gegründet werden, weil es es zu kompliziert und teuer ist. Von den Strukturreformen, den die EU einst im Lissabon-Prozess versprochen hat, ist nicht mehr viel zu hören; auch bei kräftigerem Wachstum wird die Arbeitslosigkeit deshalb nur wenig zurückgehen.

Die Aussichten in den Beitrittsländern sind besser, doch dort ist früher oder später mit Finanzkrisen zu rechnen, die man aus asiatischen und lateinamerikanischen Schwellenländern gut kennt. Und in Japan bleibt der marode Bankensektor ein Ballast für die Wirtschaft, den zu bereinigen sich noch keine Regierung wirklich getraut hat. Dazu kommt eine vom Scheitern bedrohte Welthandelsrunde, die in einen neuen Protektionismus münden könnte.

Keines dieser Probleme ist ein Grund, die positiven Prognosen für 2004 zu senken. Doch nicht gemachte Hausaufgaben führen stets dazu, dass die Aufschwungphasen kürzer werden und die nächste Krise rascher kommt. Die Bilanz des Jahrzehnts ist bisher ernüchternd - die Aussichten sind es derzeit auch.

(DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.12.2003)

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