EU setzt Rom unter Druck

28. Dezember 2003, 18:08
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Kommission fordert Informationen über Initiative zur Parmalat-Rettung

Rom - Die EU fordert mehr Informationen über das Regierungsdekret, dass das Kabinett Berlusconi am Mittwoch zur Rettung der Arbeitsplätze beim maroden Nahrungsmittelkonzern Parmalat verabschiedet hat. "Wir haben den Text des Dekrets noch nicht gesehen. Wir warten noch, dass uns Italien über die beschlossenen Maßnahmen informiert", sagte die Sprecherin der EU-Kommission, Antonia Mochan, nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA.

Dem Dekret zufolge wurde der vor 10 Tagen eingesetzte Parmalat-Geschäftsführer, Enrico Bondi, mit der so genannten außerordentlichen Verwaltung des Milch-Multis beauftragt. Er soll den Zusammenbruch des siebtgrößten italienischen Industriekonzerns mit weltweit rund 36.000 Beschäftigten verhindern. Zugleich rief die italienische Regierung die EU auf, Notmaßnahmen für die Milchwirtschaft des Landes zu bewilligen. Laut Mochan habe der EU-Landwirtschaftskommissar Franz Fischler noch keine Informationen über die Forderungen aus Rom erhalten.

Protest der Milchproduzenten

Inzwischen wächst der Protest der Milchproduzenten, die seit Monaten auf die Zahlung ihrer Lieferungen an Parmalat warten. Im Süd-Osten Frankreichs sind über 100 Milchproduzenten wegen der Parmalat-Krise in Schwierigkeiten geraten. Ihrem Produktionskonsortium 'Groupe Laitier des Pyrenees' (Glp) droht der Zusammenbruch, berichteten italienische Medien. Die Bauern appellierten an die französische Regierung, sich in Italien für die Rückzahlung der Summen zu aktivieren.

Firmengründer Calisto Tanzi bleibt inzwischen weiterhin in Spanien. Über seine Rechtsanwälte beteuerte er jedoch seine Absicht, mit den Staatsanwälten zu kooperieren. In Mailand arbeitet sein Sohn Stefano Tanzi mit dem Rechtsanwalt, Sergio Ravaglia, zusammen, um die Position der Unternehmerfamilie zu klären, auf die der Vorwurf des Betrugs und der Bilanzfälschung lastet. "Hier bin ich, niemand ist geflüchtet", kommentierte Stefano Tanzi vor Journalisten. Diese Woche hatten sich Indiskretionen gemehrt, nach denen er ins Ausland geflüchtet sei.

Arbeiten trotz des Feiertags

In Mailand sind die Ermittler trotz des Feiertags am Freitag am Werk, um die Dokumente des Nahrungsmittelkolosses zu überprüfen, die bei der Durchsuchung von Tanzis Wohnung und Büros beschlagnahmt worden waren. Das italienische Fernsehen und Zeitungen schätzen das Finanzloch von Parmalat auf sieben bis 13 Mrd. Euro. Experten sprechen von einem der größten Finanzskandale in der italienischen und europäischen Unternehmensgeschichte.

Auch der neue Parmalat Geschäftsführer Bondi gönnt sich trotz des Feiertags keine Ruhepause. Er arbeitet an dem Sanierungsplan, den er dem Aufsichtsrat des Konzerns vorlegen will. Der bekannte italienische Sanierer hat vor zehn Tagen das Ruder des Konzerns übernommen, nachdem die Finanzprobleme der Gruppe Tanzi zum Rücktritt gezwungen hatten. Am Donnerstag wurde weiter bekannt, dass sechs amerikanische Gläubiger zwei Parmalat-Töchter vor Gericht bringen wollen, nachdem diese mit ihren Zahlungen in Rückstand geraten sind. Sie beantragten, die Kontrolle über zwei Parmalat-Niederlassungen auf den Cayman-Inseln zu erhalten, wie eine New Yorker Anwaltskanzlei mitteilte.(APA)

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