Bakus Traum vom "kaspischen Kuwait"

19. April 2005, 11:33
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Ein Reporterteam besucht die Lagerstätten am Kaspischen Meer, von denen eine umstrittene Pipeline über Georgien bis in die Türkei führen wird

Baku - Würde Kristina alle Visitenkarten aufheben, sie hätte wohl die eindrucksvollste Sammlung in Baku. An manchen Abenden gesellen sich Dutzende Kärtchen zu den Dollarscheinen in ihrem Mieder, während sie im Luxusrestaurant "Karawanserei" vor den Gästen exotisch tanzt. Viele der Karten tragen die grüne Blume der BP, die den Bau der großen Pipeline vom Kaspischen Meer bis zum Mittelmeer überwacht. Trotz der auf die Kärtchen gekritzelten eindeutigen Einladungen pflege sie zu den Gästen keine sexuellen Kontakte, sagt die Russin. Tänzerinnen verdienen mit 30 Dollar pro Nacht das Zehnfache eines normalen Einkommens. So belohnt Baku die Statisten seines großen Theaters der Illusionen.

Im Zentrum mag man an ein "Kuwait am Kaspischen Meer" glauben. Die prächtigen Wohnsitze aus der Gründerzeit des ersten Erdölbooms (1890) wurden hergerichtet. Man braucht aber nur einen Kilometer weit zu fahren, und der ganze Schwindel fliegt auf. Hier lassen die dumpfen Wohnblöcke aus der Sowjetzeit den großzügigen Charme der Stadt der ersten Ölbarone vermissen. Es herrscht Wasser- und Stromknappheit. Die Familien leben eng zusammengepfercht, gemeinsam mit nahezu einer Million Flüchtlinge, die der verlorene Krieg gegen Armenien um Berg-Karabach heimatlos gemacht hat.

Und doch scheinen all diese Menschen an ein Erdölwunder zu glauben. Dieses hängt an nur einem Faden, oder besser gesagt, an einem Rohr, nämlich an der Pipeline Baku- Tiflis-Ceyhan, BTC genannt.

Öl in der Badewanne

In Baku gibt es zwar genug Erdöl, um damit in der Naftlan-Klinik die Badewannen zu füllen (was u. a. Rheumakranken helfen soll), aber es reicht nicht, um den Weltölmarkt zu beeinflussen. 1996 schätzte das US-Energieministerium das Fördervolumen im Kaspischen Meer auf 200 Milliarden Barrel, das wären etwa 16 Prozent der gesamten Weltölreserven. Diese magische Zahl - annähernd die Vorräte von Saudi-Arabien (259 Mrd. Barrel) und mehr als jene des Irak (110 Mrd. Barrel zu 159 Liter) - bewirkte einen ungeheuren Ansturm auf Baku. Es war aber offenbar ein gigantischer Bluff. Zwei Jahre später evaluierte eine britische Schätzung das Aufkommen auf nur ein Achtel der ursprünglichen Berechnung.

Für die "Majors", die großen Ölgesellschaften, war es da bereits zu spät. Die BP, aber auch die US-Gesellschaften ExxonMobil und Unocal sowie die französische Total und die norwegische Statoil haben bereits Milliarden Dollar investiert, nachdem sie im September 1994 einen "Jahrhundertvertrag" für die Ausbeutung von drei Offshore-Öllagern unterschrieben hatten. Das war für Aserbaidschans Altpräsidenten Haidar Aliew (der diesen Monat starb) der Tag, an dem es gelungen ist, das Land im westlichen Lager zu verankern.

Jahrelang war aber offen, wie man das Öl ins Ausland schaffen sollte. Die Routen über Russland (von dem die Azeris loskommen wollten) und den Iran (US-Feind!) fielen aus. Übrig blieb die Führung einer Pipeline von Baku durch den georgischen Südkaukasus und Anatolien bis hin zum türkischen Hafen Ceyhan am Mittelmeer. Die Trasse der BTC führt durch Gebirge und ist ständig bedroht durch Banditen, ethnische Konflikte und Übergriffe lokaler Verwaltungen.

David Woodward, in Baku Chef der BP, die in das Ölprojekt insgesamt 15 Mrd. Dollar investiert, ist dennoch zuversichtlich: Die Leitung soll in zwei Jahren fertig sein. "Unsere Pipeline wird eine Million Barrel pro Tag transportieren", sagte er. "Natürlich ist das rentabel. BP ist kein Wohltätigkeitsverein."

Der Ausgangspunkt

Von Baku fahren wir eine halbe Stunde das Kaspische Meer entlang, zum Ölterminal in Sangatschal. Hierher soll das Öl von den Offshore-Plattformen gebracht werden. Noch lagert hier ein riesiger Haufen Rohre, Bestandteile der großen Pipeline. In Japan erzeugt, in Malaysia verschweißt, sind sie per Schiff in den georgischen Hafen von Batumi gelangt und wurden dann per Bahn vom Schwarzen zum Kaspischen Meer befördert. 150.000 Rohrteile werden benötigt, um die 1760 Kilometer von Baku bis zum Mittelmeer zu überwinden.

Die Straße wickelt ihr löchriges Asphaltband am Fuße des kaukasischen Gebirges ab. Ärmliche Dörfer, sumpfige Landstriche, Werksgelände, die noch vor der Inbetriebnahme aufgelassen wurden. Von Zeit zu Zeit überholen wir Züge mit Tankwagons - ein Teil des Erdöls aus dem Kaspischen Meer wird immer noch per Bahn zum Schwarzen Meer befördert.

Es wird Nacht und ein eisiger Regen fällt, als unser in Baku gemietetes Taxi das Dorf Goran erreicht: Hier wird die BTC in Schussweite der Armenier sein. Wir befinden uns in 18 Kilometer Entfernung von der Waffenstillstandslinie im Konflikt um Berg-Karabach.

Die Trasse der BTC folgt die meiste Zeit der kleinen Pipeline von Baku nach Supsa am Schwarzen Meer, die 1997 anstelle der alten sowjetischen Leitung gebaut wurde, um die ersten Ölmengen der internationalen Konzerne zu befördern. Diese Strecke ist bereits abgesichert. Auf einer Anhöhe durchmessen wir die Felder der alten Kolchose "Der Weg Lenins" in Begleitung eines Einheimischen, der behauptet, an die BP einen Hektar seiner Sonnenblumenfelder um 8300 Dollar verkauft zu haben, womit er eine große Schafherde erwerben will.

Da erscheint ein Reiter. Er ist in einen fluoreszierenden orangen Anorak gemummt, am Ohr ein Satellitenhandy. Eine merkwürdige Gestalt. Da muss wohl BP dahinter stecken - und das ist auch der Fall. Namik Dadachow, von Beruf Pipeline-Wächter, reitet jeden Tag 20 Kilometer die Leitung entlang, mit der Aufgabe, Eindringlinge zu melden. Sofort rapportiert er unsere Anwesenheit an seinen Chef, der wenig später einem luxuriösen Jeep entsteigt, um uns zu verhaften. Nach einer Stunde Verhandlungen und weiteren zwei Stunden Autofahrt erreichen wir die Grenze. Auf der anderen Seite des Balkens, nach Verteilung von Trinkgeldern an die abgerissenen Zollbeamten, befinden wir uns in Georgien.

In Geisterdörfern

Bedenkt man all die Gefahren, denen die BTC in Georgien ausgesetzt ist, so wirkt der Ort Tsalka außerordentlich ruhig. Eigentlich wäre das auch normal: Die Gegend ist unbewohnt, denn die griechische Minderheit, die sich hier zu Beginn des 19. Jahrhunderts angesiedelt hatte, kehrte unwiderruflich in ihre Heimat zurück. Abgesehen davon, dass die Svaneten, ein gefährlicher Stamm aus den südwestlichen Bergen des Kaukasus, mit Waffen und Gepäck aufgetaucht sind, noch bevor alle Griechen verschwunden waren. Sofort befand man sich am Rande eines ethnischen Konflikts.

Wir erreichen das Geister-dorf von Pechtachtere, wo wir nach Bauern suchen, die ihr Land an die BP verkauft haben. Rund 30 frierende Männer spielen Karten in einer ehemaligen Eisenwarenhandlung, auf ramponierten Tischen aus einer Schule, die wegen Schülermangels aufgelassen wurde. Von den 500 griechischen Familien, die 1991 das Dorf bewohnten, blieben weniger als 80 übrig. Man ist verbittert, denn der Verlauf der Pipeline wurde gerade abgeändert. Niemand hier wird also eine Entschädigung erhalten.

"Auf jeden Fall ist es gefährlich, Geld von der BP zu bekommen", versucht sich Estafi Alexandrewitsch, 83, zu trösten. "Im Dorf nebenan ist neulich abends eine Frau überfallen worden, die gerade ihre Entschädigung erhalten hatte. Alles lauter Banditen. Man hat sie verbrannt und ihr Haus auch. Wenn uns nicht die Svaneten umbringen, dann erledigt das unsere Regierung. Meine Pension beläuft sich derzeit auf 14 Laris (6,50 Euro) pro Monat. Mit solch einem Betrag bleibe ich zwar am Leben, kann mir aber beim Sterben zuschauen."

Heikle Trassenführung

"Jetzt reicht's mir langsam", sagt später in Tiflis ein Pipeline-Experte. "Seit drei Jahren kommt hier fast jeden Tag einer in mein Büro, mit einer Karte von Georgien, auf der eine rote Linie eingezeichnet ist, und sagt: ,Ich habe die ideale Trasse gefunden.'" Der Mann, der keine neuen Trassen mehr prüfen will, heißt Ed Johnson. Er ist Amerikaner, leitet in Tiflis das Büro der BP und hat die Aufgabe, das kaspische Rohöl durch Georgien zu schleusen. Es geht vor allem darum, sich zwischen den separatistischen Regionen und den Gefahren des Großbanditentums hindurchzuschummeln.

Es ist unmöglich, eine südliche Route zu nehmen: Die armenische Bevölkerung, die man des Separatismus verdächtigt, könnte Lust auf Sabotageakte bekommen.

Schon vor der gewaltlosen Vertreibung des Präsidenten Georgiens (und früheren sowjetischen Außenministers) Eduard Schewardnadse kam das Land nicht zur Ruhe. Der wohl blutigste Aufstand war jener in Abchasien, im Nordwesten Georgiens, wo eine kaum praktizierende muslimische Minderheit friedlich mit der georgischen orthodoxen Mehrheit koexistierte, bis es 1992 zu einer Explosion des Hasses kam. Mit Unterstützung Moskaus vertrieben die Abchasen die georgische Armee. 350.000 georgische Zivilisten ergriffen die Flucht. Nach dem Waffenstillstand zwei Jahre später - Bilanz: 10.000 Tote - haben sie de facto ihre Unabhängigkeit erreicht, aber niemand hat Abchasien als Staat anerkannt.

In näherer Umgebung von Tiflis versuchen die Südosseten sich seit 1991 mit ihren ossetischen Brüdern im Norden zu vereinen, die auf der anderen Seite des Kaukasus in Russland integriert sind.

Außer Frage steht deshalb, die BTC durch den Norden zu führen. Man wäre sonst den Überfällen rebellischer Tschetschenen und denen von Al-Kaida-Söldnern ausgeliefert. Deren Anwesenheit hat die Ankunft amerikanischer Militärberater gerechtfertigt, die ein Bataillon der georgischen Armee ausbilden, "im Kampf gegen den Terrorismus". Zusätzlich lehren sie sie noch eine weitere Disziplin, die "pipeline protection". Die neuen amerikanischen Freunde Georgiens genießen offiziell Immunität und sagenhafte Privilegien, sie trinken Whisky im Hotel Sheraton und Bier im Marriott, gehen aber kaum in die Stadt, um unangenehme Begegnungen zu vermeiden.

Zwölf Jahre nach seiner Unabhängigkeit und trotz massiver westlicher Unterstützung erlebt das Land zwar die Verlegung einer Pipeline, es hat aber immer noch keine gesicherte ständige Stromversorgung. Wahrlich ein Absturz für ein Land, das als Garten Eden der UdSSR galt. (Serge Michel, Serge Enderlin, Der Standard, Printausgabe, 27.12.2003)

  • In Baku gibt es zwar genug Erdöl, um damit in der Naftlan-Klinik die Badewannen zu füllen (was u. a. Rheumakranken helfen soll), aber es reicht nicht, um den Weltölmarkt zu beeinflussen
    foto: shell

    In Baku gibt es zwar genug Erdöl, um damit in der Naftlan-Klinik die Badewannen zu füllen (was u. a. Rheumakranken helfen soll), aber es reicht nicht, um den Weltölmarkt zu beeinflussen

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