Der Saumagen des Lexikons

2. Jänner 2004, 12:11
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Ein Überblick über die Lexikonszene: Mit bürgerlichem Gesellschaftsspiel

Der Eichborn Verlag hat ja mit dem Schwanitz- Bestseller Alles was man wissen muss den Katalog der Wissenspflicht auf nur wenig mehr als 500 Seiten gekürzt. Da aber immer noch ein Rest bedacht werden wollte, gab die "Andere Bibliothek" Enzensbergers im selben Verlag ein letztes Lexikon heraus: Das Vorwort bewirbt es als all das, was in einigen Jahren (unfreiwillig) wohl auch das Buch von Schwanitz gewesen sein wird: ein "Reader's Digest, das lebendige Poesiealbum und der nostalgische Abgesang" auf die "Epoche der Enzyklopädien", "eher satirisch als wissenschaftshistorisch".

Was die großen Lexika der letzten 200 Jahre noch als unumstößliche Definition der Wirklichkeit ausgaben, montiert das "letzte Lexikon" als Kuriosität: Kurios ist einerseits besonders abstrus wirkendes Wissen, das bürgerlicher Bildungseifer angesammelt hat: etwa über "Gross-Popo", einen ehemals "französischen Hafen am nordwestafrikanischen Arsch der Welt". Kurios ist aber der absonderliche Ton, in dem historische Lexika scheinbar Alltäglichstes bedenken.

"Lachen" ist z. B. "diejenige körperliche Handlung, die sich durch eine stoßweise, gleichsam convulsivische Ausathmung der Luft, mehrentheils mit gleichartigen Tönen der Stimme und fröhlichen Gesichtszügen verbunden, zu erkennen gibt, und wodurch eine fröhliche Gemüthsbewegung angedeutet wird." (Brockhaus 1812)

In solchen Karikaturen belächelt das "letzte Lexikon" die Vorstellung, Lexika könnten ein für allemal "Wissenswertes" in einer "angemessenen" Sprache konservieren, die nichts mitteilt als die "Fakten". Der Zweifel gilt dabei der Wissenskonserve von gestern ebenso wie der von heute. Die Nachfahren der Aufklärer sind skeptisch geworden, ob sie das angehäufte Faktenwissen ganz widerspruchslos beherrschen können. Aber haben sie damit auch einen Anspruch den Lexika insgesamt gegenüber aufgegeben, die ja beherrschtes Faktenwissen dokumentieren sollten?

Zedler, D'Alembert und Diderot, die großen Enzyklopädisten der Aufklärung im 18. Jahrhundert, wollten noch alles Wissen ihrer Zeit sammeln und ihre "Universallexika" zum positivistischen Gewissen einer einheitlichen (bürgerlichen) Vernunft machen. Lexika sollten Werkzeuge sein, mit denen sich alle Zustände - auch die der Politik - ordnen lassen. Schon die Konversationslexika des 19. Jahrhunderts, Brockhaus und Meyer, milderten diesen Anspruch: Ein "anekdotenreicher" und "gesinnungsstarker Erzählton" sollte sich nicht mehr nur an den Fakten orientieren, sondern zusätzlich am bildungsbürgerlichen Publikum.

Der Stil dieser Lexika wollte die "rechte Mitte" halten "zwischen der abstrusen Compendienform und dem laxen Ton der Unterhaltungsliteratur" (Meyer 1839). Nicht mehr eine Gesamtheit des Wissens, sondern das "Wissenswerte" galt es zu sammeln. Das heißt etwa: genug zu den neuesten naturwissenschaftlichen Theorien, um bei Nichtfachleuten (also: fast allen) den Eindruck zu erwecken, man hätte sie verstanden. "Hauptsache bei der Conversation ist, das Gemeine zu meiden oder doch gut einzukleiden" (Brockhaus 1843). Friedrich Engels nannte diese Lexika die "Eselsbrücken des Bildungsphilisters".

Einen Teil dieser Funktion erfüllen Konversationslexika noch heute. Man darf sich Prachtausgaben leisten und mit ihnen Bildung demonstrieren, ohne sich zwangsläufig ein schlechtes Gewissen einzukaufen: Lexika muss man gar nicht lesen, schon überhaupt nicht "von A bis Z". Aber wie sehr tröstet die Gewissheit, dass man sie lesen könnte, dass sich alles, was man überhaupt wissen kann, und alles Unverständliche, was die Welt bewegt, einfach ausdrücken lässt: in der Lexikonsprache, das heißt einer, die man ganz sicher selbst versteht.

Ist dieser Trost etwa auch ein Verkaufsargument für die zahllosen "populären" Lexika von heute?

"Lustmörder": Das Los dieser Mörder ist sicherlich nicht leicht. Gehasst von der Gesellschaft, verachtet von der Unterwelt, bespien selbst noch aus der Gosse, gelten sie allgemein als "der letzte Dreck". Ihrem schauderhaften Trieb unterworfen, den sie sich zwar nicht selbst in freier Entscheidung ausgesucht haben, der aber trotz allem ein Teil ihrer Psyche ist, vollbringen sie Taten, denen Unschuldige zum Opfer fallen und die sie selbst vor aller Welt brandmarken" (Das große Lexikon des Verbrechens).

Das große Lexikon des Verbrechens ist ein Produkt des Berliner "Lexikon Imprint Verlags", der den Markt mit ca. 20 Lexika jährlich bedient. Der Erfolg zweier Lexika zur Techno- und Graffiti-Kultur brachte den bis dahin auf "DDR und Neue Länder" spezialisierten Verleger Oliver Schwarzkopf auf die Idee, einen Verlag ausschließlich für Lexika zu Szenen- und Nischenthemen neu zu gründen: "Viele kleine Lesergruppen ergeben eben auch ein großes Ganzes." In vergleichsweise billigen, einheitlich aufgemachten und kleinen Auflagen (um die 3000) alphabetisiert der Verlag neben dem großen Verbrechen unter anderem auch HipHop und Horror, Karl May, TV-Soaps deutsch und international, Sadomasochismus, Internetpioniere und Helmut Kohl.

Aber wer nur kauft sich z. B. Das kleine Helmut Kohl Lexikon, wenn es doch autorisierte und nicht autorisierte Biografien gibt? Das links-anarchistische deutsche Kind, das seine konservativen Eltern mit einem nicht allzu teuren Geschenk bestrafen will? Oder doch die Eltern selbst, denen es um nichts als "die geliebte Sache" geht, im Lexikon "aufgehoben, das heißt: vergessen" (Enzensberger)? Dann wäre der wesentliche Reiz der "neuen" Lexika von dem alter Konversationslexika gar nicht so verschieden: Sie wären nur gewissermaßen der geistige "Saumagen" einer einst bildungsbürgerlichen Gattung.

"Saumagen: Den Schweinemagen unter fließendem Wasser gründlich waschen, Fettteile entfernen, mit grobem Salz abreiben, einige Stunden wässern. Dann überbrühen, nachwaschen und abtrocknen. Den Magen innen mit Salz und Pfeffer würzen, mit in Butter gedünsteter Zwiebel und Knoblauch bestreichen . . . -Appetit, -Deidesheimer Hof, -"Kulinarische Reise durch deutsche Lande" -Spargel." (Das kleine Helmut Kohl Lexikon)

Im Vergleich mit den Produkten des "Lexikon Imprint Verlags" ist das Konversationslexikon alten Stils ganz sicherlich zum Fossil versteinert. Als Fossil erweist es sich beständiger als das, was man einst "Konversation" nannte. Denn den bildungsbürgerlichen Diskurs über das Wissenswerte haben die zahllosen, wendigeren und bissigeren Nachfahren zumindest dem Anschein nach zersetzt: in das Nützliche der Fachlexika einerseits und die "Unterhaltung" der populären Lexika andererseits.

"Unterhaltung" kam als Stichwort im Brockhaus des 19. Jahrhunderts nicht einmal vor, im Unterschied zur breit besprochenen "Konversation". Der Brockhaus 1996 schrumpft dagegen den Artikel "Konversation" zur kurzen Erwähnung einer "veralteten" Vokabel. Und doch hat sich etwas von den Vorlieben dieser "Konversation" in das zeitgenössisch unterhaltende Lexikon vererbt. Auch der Lexikon Imprint Verlag meidet das (im Sinne des 19. Jahrhunderts) "Gemeine": Das heißt, er hat eine Vorliebe für das Exotische und beschreibt es in einer leicht konsumierbaren Sprache. Entsprechend charakterisiert der Brockhaus "Unterhaltung" jetzt in einem langen Artikel genau als das, was "Konversation" einmal war: als "soziale Klammer einer sich immer weiter ausdifferenzierenden modernen Gesellschaft und der Wertsysteme ihrer Subkulturen": So nützlich für die Gesellschaft können also auch Lexika sein, wenn sie nur unterhalten.

Zeit also, die "ausdifferenzierte moderne" Leserschaft des STANDARD und die "Wertsysteme ihrer Subkulturen" zu "verklammern": mit dem Lexikonspiel. Es fordert nichts als die Fähigkeit, das Unbekannte und Außergewöhnliche zu definieren, als sei es das Selbstverständliche: gelassen im Ton, vernünftig. Nach allem, was bisher bemerkt worden ist, schult es vielleicht ebenso für eine bürgerliche Karriere wie das Abfassen von Lebensläufen. Es ist etwas für Leute, die Konventionen für sich nützen möchten und die Dialektik der Aufklärung leben und genießen wollen, nicht begreifen. Horkheimer und Adorno hätten das Lexikonspiel sowieso nicht gemocht: Ihre Definitionen wären auch von unbegabteren Mitspielern sofort identifiziert worden, an der merkwürdigen Satzstellung.

So nämlich funktioniert das Spiel: In einer Gruppe sucht jeweils abwechselnd eine SpielerIn ein Wort aus einem Lexikon, von dem vermutet werden kann, dass niemand es kennt. Lautung und Schreibweise des Wortes werden verlesen, die Lexikondefinition verdeckt auf einem Zettel notiert. Die MitspielerInnen erfinden nun eigene Definitionen zu diesem Wort, die sie uneingesehen niederschreiben. Die TeilnehmerIn mit der Lexikonversion sammelt alle Definitionen ein, mischt sie mit der "richtigen" und liest alles mit mehr oder weniger neutraler Stimme vor. Wieder auf einem Zettel versuchen die MitspielerInnen, jeweils für sich die "richtige" Definition aus dem Lexikon zu erraten. Einen Pluspunkt gibt es für richtiges Raten, zwei Pluspunkte bekommen diejenigen, denen es gelingt, für die eigene, erfundene Definition "AbnehmerInnen" zu finden. Das Spiel lebt von der Fantasie in unbekannten Wörtern, aber auch vom Bluff, der Imitation des Lexikonstils.

Nur so zum Beispiel: Welche der folgenden Definitionen stammen aus dem Lexikon des Sadomasochismus, welche aus einem Neuesten Lexikon der deutschen Jugendsprache (eines der Lexika simuliert hier auch einen Mitspieler) und welche von mir?

(Antworten und Ihr Punktesaldo erfahren Sie rechts unten. Sollten Sie übrigens die Begriffe ohnehin kennen: herzliche Gratulation und Beileid: Sie leiden gerne und/oder haben schwierige Kinder!)

1) Brassel

a) an der Raphe (Naht zwischen Hodensack und After) angebrachtes Piercing. In der Regel gehört dazu ein Edelstahlring, an dem zwecks Stimulierung der Dammgegend Gewichte angebracht werden. Während des bis zu acht Wochen andauernden Heilprozesses können Sitzen sowie insbesondere Radfahren höchst unangenehm sein.

b) in der Wendung "Brassel haben": 1. viel um die Ohren haben, nicht zum Ausruhen kommen; 2. Stress/Ärger haben; etymologische Wurzel ist die "Brasse" - in der Seemannssprache das Tau zum Stellen der Segel, das so manchem Süßwassermatrosen die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Bsp.: "Mann, hab' ich heute wieder Brassel gehabt!"

c) abwertend bzw. geringschätzig: a) Geschwätz, überflüssiges leeres Gerede; b) unnützer Aufwand. Jugendsprachlicher Neologismus nach "Gequassel". Bsp.: "Laber mich doch nicht mit so einem Brassel voll."

2) abhippen

a) stark abwertend für sich kindlich oder allgemein regredierend verhalten; die etymologische Wurzel stammt vermutlich von einer weit verbreiteten Marke für Babynahrung. Bsp.: "Du hippst so ab, ich schenk' dir einen Lulli."

b) Konsequenz schwer kontrollierbarer Anfälle von Schuldgefühlen wegen der eigenen sadomasochistischen Neigungen. "Abhippen" äußert sich symptomatisch darin, dass der Betreffende sich seiner SM-Medien oder -Spielzeuge spontan entledigt und jeglicher weiterer Beschäftigung mit dieser sexuellen Variante abschwört.

c) einigermaßen brav klingender Neologismus, der so viel wie abtörnen(d) bedeutet; linguistisch eine Zwitter- oder Hybrid-Deadjektivierung von englisch "hip" (= 1. Hüfte, Becken; 2. Walmdach; 3. Hagebutte; 4. Abkürzung für "Hippie") und dem Germanen-Präfix "ab-.

Lösungen:

1) a) eine Definition aus dem SM-Lexikon, aber die eines anderen Begriffs: nicht "Brassel", sondern "Guiche"!; b) die richtige Lösung, 1 Punkt für Sie! c) 2 Punkte für mich!

2) a) 2 Punkte für mich! b) leicht verändert die Definition des SM-Lexikons für "Vanille-Schübe" c) die richtige Lösung, 1 Punkt für Sie! (Christoph Leitgeb/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28. 12. 2003)

Werner Bartens, Martin Halter, Rudolf Walther, Letztes Lexikon. Mit einem Essay zur Epoche der Enzyklopädien. €28,30/ 330 Seiten. Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2002.

Norbert Borrmann, Das große Lexikon des Verbrechens. Täter, Motive und Hintergründe. €23,60/ 525 Seiten. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003.

Hermann Ehmann, Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. €9,20/ 160 Seiten. Verlag C. H. Beck, München 2002.

Arne Hoffmann, Lexikon des Sadomasochismus. €16,40/ 448 Seiten. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003.

Klaus Rathje, Jürgen Sacht, Das kleine Helmut Kohl Lexikon. €13,30/ 301 Seiten. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin. 2002.

Dietrich Schwanitz, Bildung. Alles was man wissen muss. €30,80/ 540 Seiten. Eichborn Lexikon. Frankfurt a. M. 1999.

Für Leser empfohlen: Andreas Okopenko, Lexikon Roman. €17,90/292 Seiten. Deuticke, Wien 1996.
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