Vom Glanz und Elend eines Patriarchen

24. Mai 2005, 18:02
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Dia atemberaubende Laufbahn des Parmalat-Chefs Calisto Tanzi -

Im Winter liegt der Nebel oft tagelang über Collecchio. Wenn er sich lichtet, tauchen die großen Stahlcontainer mit der Aufschrift "Parmalat" aus dem Dunst auf. Milchtransporter rollen über die Straße, die Arbeiter kehren von der Frühschicht heim. Für den Corriere della Sera heißt der schmucklose Ort in der Poebene jetzt "Tanzi City".

Hier ist der Mann geboren, der in den Augen der Italiener die Legende vom Aufsteiger so perfekt verkörperte, als wäre sie einem Drehbuch entnommen. Als 22-Jähriger übernahm Calisto Tanzi nach dem Tod des Vaters den Familienbetrieb, in dem Salami hergestellt wurde. Doch der Sohn ging eigene Wege. Er legte sich einige Kühe zu, und schon nach wenigen Jahren begann er, die Milchbetriebe in der Nachbarschaft aufzukaufen.

Tetrapak-Packung

Bei einem Besuch in Schweden entdeckte Tanzi in einem Geschäft die erste Tetrapak-Packung. Sie war Anlass für eine fulminante Entwicklung. Mit Zuwachsraten von 50 Prozent im Jahr baute er seinen Familienbetrieb zu einem Konzern aus. Bald trugen Gustav Thöni, Ingemar Stenmark und Niki Lauda das Milchlogo auf Trikots und Mützen. Calisto Tanzi brachte den Provinzklub AC Parma in den Europapokal und Luciano Pavarotti zum Konzert im Central Park von New York.

Eskapaden waren dem biederen Unternehmer stets fremd. Mondänes war ihm ein Gräuel. Manchmal ließ er sich mit seiner Frau Anita im berühmten Teatro Regio von Parma bei einer Oper sehen. Seinen Sohn Stefano und seine Tochter Francesca holte er ebenso in die Unternehmensführung wie seinen Bruder Giovanni. Der alten Democrazia Cristiana von Giulio Andreotti stets treu ergeben, gab Tanzi nie der Versuchung nach, seinen Reichtum zur Schau zu stellen.

Überrundet Barilla

Er füllte seine Villa mit alten Gemälden und verschenkte gerne bibliophile Bände. Mit Niederlassungen in 30 Ländern, 36.000 Beschäftigten und einem Jahresgewinn von über 600 Mio. Euro überrundete er schließlich Parmas zweiten Großunternehmer, Pietro Barilla.

Jeder in Parma hätte für den 65-jährigen Tanzi die Hand ins Feuer gelegt. Fassungslos verfolgten die Italiener in den vergangenen Tagen den Fall des Patriarchen, der mit seinem 52-prozentigen Aktienpaket Mehrheitsaktionär von Parmalat ist. Dass der solide Cavaliere sich hinter der unverdächtigen Fassade der Parmalat von Collecchio in atemberaubende Transaktionen und Betrügereien verstrickt hatte, schien - wie sein Aufstieg - eine Geschichte aus dem Drehbuch.

Eine seiner unzähligen Finanzierungsgesellschaften hieß Buco Nero. In diesem schwarzen Loch sind rund sieben Mrd. Euro verschwunden. Nun ist auch der Parmalat-Gründer selbst verschwunden. Und Millionen Italiener sind um eine Legende ärmer. (Gerhard Mumelter, Der Standard, Printausgabe, 27.12.2003)

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