Der Tod, der die Form gibt

2. Jänner 2004, 12:10
posten

Sammlung früher Prosa-Meisterwerke von Béla Balázs - bekannt als früher Theoretiker des Films

Berlin - Eine Erzählung aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts: eine Begegnung. Januar, in der Berliner Stadtbahn sitzen einander zwei fremde junge Menschen gegenüber: der namenlose Erzähler, ein ungarischer Student, und ein russisches Tatarenmädchen. Er starrt blicklos gegen das beschlagene Fenster, "und mein Arm rührte sich nicht, um mir einen Spalt freizuwischen. Ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas ändern zu können." - "Aber plötzlich fuhr ein schwarzer Muff über die Glasscheibe und eröffnete eine glitzernde, nasse Welt vor mir. Erstaunt wandte ich mich um. Das Tatarenmädchen hatte das Fenster freigewischt - für mich."

Wenige weitere, stumme Begegnungen, Augen-Blicke, folgen diesem Moment der Wahrnehmung, des Wahrgenommen-Werdens in der fünf Seiten kurzen Erzählung Zu spät von Béla Balázs. Sie endet leicht und schwebend, wie sie begann: "Danach fuhren wir noch zehn Tage zusammen. Wir schauten einander mit ruhigem Vertrauen in die Augen, wie Menschen, die schon nicht mehr miteinander sprechen. Am zehnten Tag war sie für die Reise gekleidet, sie hatte Tulpen in der Hand und setzte sich mir nicht gegenüber, sondern neben mich. Als der Zug sich dem Lehrter Bahnhof näherte, sagte sie leise: ,Ich reise heut nach Russland zurück . . . Ich heiße Marfa Kuzmics . . . Und du?' Ich sagte ihr meinen Namen. Der Zug hielt. ,Leb wohl', und sie legte mir die Tulpen in den Schoß, denn ich konnte den Arm nicht heben, um sie entgegenzunehmen."

Rund zwanzig Jahre alt war der ungarische Autor Béla Balázs, als er eine Reihe kurzer Erzählungen - traumhafte Momentaufnahmen - schrieb. Dass die kurzen Meisterwerke bis vor kurzem unveröffentlicht blieben, schuldet sich den Zeitläuften.

Anfang des Jahrhunderts war der junge Autor, Student bei Georg Simmel in Berlin und bei Henri Bergson in Paris, beseelt von der Idee, der Dichter Ungarns zu werden. Der Sohn eines deutsch-jüdischen Lehrerpaares aus Szeged magyarisierte also seinen Namen - ursprünglich hatte er Herbert Bauer geheißen - und konvertierte zum Katholizismus. Neben den Erzählungen schrieb er Märchen, Lyrik, Libretti - etwa für Béla Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg.

1919 allerdings, nach der Niederschlagung der Rätediktatur, floh Balázs ins Exil nach Wien, später vor den Nationalsozialisten weiter nach Moskau, schrieb der Nationaldichter der Ungarn den Rest seines Lebens in deutscher Sprache, wurde - aus finanzieller Not - Journalist. Heute ist er, der Mitbegründer der Filmkritik, als früher Theoretiker der neuen Kunst bekannt. Der sichtbare Mensch, 1924 in Wien geschrieben, zählt zu den Klassikern des Genres. Den filmischen Blick, die Vorliebe für den flüchtigen, unabgeschlossenen Moment, sich wie Wolken am Himmel wandelnde Figurationen - "Wenn der Tod es ist, der die Form gibt, dann töte ich alles, was ich forme" hatte Balázs in einer Todesästhetik geschrieben - nun auch in seiner Prosa zu entdecken, ermöglicht eine wunderbare Ausgabe seiner Werke im Berliner Verlag Das Arsenal, in der als dritter Band nun Die Geschichte von der Logodygasse - vom Frühling, vom Tod und von der Ferne erschien. Dringende Empfehlung für Lesestunden. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28. 12. 2003)

Béla Balázs bei Arsenal: "Die Jugend eines Träumers. Autobiografischer Roman", 24 ; "Ein Baedeker der Seele. Feuilletons", 13,80 ; "Die Geschichte von der Logodygasse. Novellen", 14,80 .
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.