Betty Boop gegen Ballettpuppen

2. Jänner 2004, 11:53
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Tanzpremiere an der Wiener Staatsoper

Wien - Tanzende Pilze, Mickymaus als Zauberlehrling, Nilpferde in Tutus. Das war die Antwort der Disney-Studios auf das Umkippen der europäischen Kultur. In dem 1940 entstandenen Zeichentrickfilm Fantasia geriet die Welt in ein überbordendes Tanzen, etwa zu Beethovens Pastorale, Amilcare Ponchiellis Tanz der Stunden und Tschaikowskys Nussknacker-Suite. Die Presse war empört über diese "Verkitschung erhabener deutscher Kunstgüter".

Unter den vielen Gesichtern von Renato Zanella, der das Ballett der Wiener Staatsoper zum Tanzen bringt, befindet sich auch das eines Walt Disneys. Durch des Choreografen Oeuvre hüpft immer wieder comichafte Übertreibung: bei Wolfgang Amadé (1998), in Nussknacker (2000) und jetzt wieder in seiner Premierenbearbeitung eines der eher kleinen Würfe in der Ballettgeschichte, des von David Lichine 1940 in Sydney hervorgebrachten Kadettenballs.

Hier allerdings geht Zanella weiter denn je und greift direkt auf Vorlagen aus Disney-Filmen zurück, etwa auf The Jungle Book aus 1967. Kadettenball ist Element eines dreiteiligen Weihnachtsballettabends in der Opernkathedrale am Ring. Deren Sakralstatus hat Zanella hin und wieder mit einem Klacks Kitsch konterkariert, wofür ihm nie gebührend gedankt wurde. Auch, weil ihm ein entscheidendes Fünkchen Witz noch fehlt. Das zeigt sich besonders in der "richtigen" Zanella-Uraufführung, Duke's Nuts, einer tänzerischen Umsetzung der Nutcracker Suite des großen Jazzers Duke Ellington.

Hier hätte der Choreograf noch die Verve etwa eines Disney-Bumble Boogie (1948) gebraucht. Sie blieb ihm, obwohl Disney so wunderbar in Ioan Holenders Hütte passt (der Stil etwa von Tex Avery - Daffy Duck oder Bugs Bunny - wäre bereits um einen Hauch zu hart, zu sehr in Richtung "Martial Arts" gedacht), leider versagt. Aber schon mit einer richtigen Jazzband auf der Bühne wäre Duke's Nuts möglicherweise zum Knackpunkt eines knisternden Abends geworden. Auch Die Puppenfee hätte mit mehr Disney gut verschmelzen können. Dieses 1888 von Josef Hassreiter geschaffene Wiener pantomimische Divertissement erinnert daran, dass der im Jahr darauf in Wien geborene Max Fleischer in den USA die großen Fleischer-Trickfilmstudios leitete, die Größen wie Betty Boop oder Popeye hervorbrachten. Die Puppenfee enthält die Uridee des Animationsfilms: toter Form Leben einzuzaubern.

Bei Disney tanzen Kübel, Kannen und Tiere wie Hassreiters Spielzeug. Zanella aber schunkelt an einem intelligent gemachten Abend vorbei. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28. 12. 2003)

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