Kanada vor Einführung der Scharia

16. Jänner 2004, 13:28
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MuslimInnen soll es bald möglich sein, zivile Verhandlungen in Schiedsgerichten auf Basis des islamischen Rechts durchzuführen

Toronto - Einem Teil der kanadischen MuslimInnen soll es bald möglich sein, Zivilprozesse nach islamischem Recht, der Scharia, durchzuführen. Kanadas "Islamic Institute of Civil Justice", das im Oktober gegründet wurde, will zunächst in Ontario islamische Schiedsgerichte mit muslimischen AnwältInnen für familiäre und geschäftliche Angelegenheiten installieren. Den islamischen Rechtsweg zu gehen, sei für MuslimInnen nicht bindend, betonen die islamischen Rechtsgelehrten. KritikerInnen befürchten jedoch, dass selbst in einem weitgehend säkularisierten Land wie Kandada die Schiedsgerichte den Druck auf muslimische BürgerInnen verstärken könnten, die die Scharia eher nicht in Anspruch nehmen wollten.

Zur Scharia

Die Scharia ist eine gesetzliche Regelung, die hauptsächlich auf dem Koran sowie den Lehren Mohammads beruht und für alle Bereiche mulsimischen Lebens, vorallem Gebet, Fasten und Geldangelegenheiten, angewendet wird. MuslimInnen adaptieren ihrem persönlichen Glauben entsprechend die Scharia unterschiedlich; manche muslimische Staaten haben sie in ihr Rechtssystem aufgenommen. In Saudi Arabien wird sie strengstens exerziert: öffentliche Enthauptungen von MörderInnen, Drogendealern und Vergewaltigern sind üblich.

In Kanada würden strafrechtliche Delikte nicht über die Scharia geregelt werden, was die Befürchtungen der Kritikerinnen nicht schmälert, die bis zur Steinigung von Frauen wegen Ehebruchs reichen. Aber nicht nur wegen ihrer brutalen Klauseln punkto Bestrafung wird die Scharia kritisiert, auch ob ihrer frauendiskriminierenden Erbschaftsregelungen: So erbt ein Sohn zweimal so viel wie eine Tochter.

Die Scharia sei im Westen meist nur durch ihre radikale Auswüchse bekannt, sagen nicht-muslimische BefürworterInnen, meinen aber auch, dass es schwierig ist, zwei rechtliche Normen in einem Staat unterzubringen.

Kein Grund für Befürchtungen

Rahim Khan, Mitbegründer des "Islamic Institute of Civil Justice", will die Befürchtungen zerstreuen: "Es sollte keine Bedenken geben. Wir arbeiten auf Grundlage der kanadischen zivilen Rechtsprechung mit ein paar kleinen anderen Auslegungen hie und da. Muslimische Anwälte sind weltweit akzeptiert." Zudem würde die Einführung die kanadischen Gerichte punkto zivilen Prozessen erleichtern, da die Anzahl der Klagen deren Kapazität übersteige.

Das plötzliche öffentliche Interesse samt Kritik - die Pläne des islamischen Instituts hatten für Schlagzeilen gesorgt - überrascht so manchE MuslimIn: sie hätten die Scharia sowieso schon lange in Scheidungsangelegenheiten und anderem herangezogen - das Institut würde jetzt nur für die offizielle Form sorgen.

Nichts Neues

Ontario und andere kanadische Provinzen haben Schiedsgerichte, ob religiös oder nicht, schon lange erlaubt. Ein ähnliches System existiert in jüdischen Gemeinden, wo ein Ehepaar sich durch den Rabbi scheiden lassen kann und die Scheidung vom Staat anerkannt ist.

"In wirklich multikulturellen Ländern ist es einfach so üblich," so Ed Morgan, Rechtsprofessor an der University of Toronto. "Es ist ein legitimer Weg, Religionsgemeinschaften mehr Autonomie zu geben innerhalb der Bandbreite unseres Rechtssystems. Zwei Rechtsnormen können nebeneinenander existieren, weil das kanadische Gericht die letztgültige Entscheidungsmacht innehat."

Von Seiten der Regierung ließ man verlauten, man habe zum Thema keine Position, weil Zivilrechtsentscheidungen in den Zuständigkeits- und Vollmachtsbereich der Provinzen falle, solange nicht mit den demokratischen Rechtsstandards und -freiheiten gebrochen werde.

Kritische Stimmen

"Die Scharia regelt Erbschaften, Scheidungen und andere Familienangelegenheiten und dabei haben muslimische Frauen immer einen gewaltigen Nachteil und werden unter Druck gesetzt. Daran gibt es keinen Zweifel", so Sheila Ayala von der "Humanist Association of Canada", eine Organisation, die sich um die Belange der Gewaltentrennung von Kirche und Staat kümmert.

"Niemand denkt, dass die extreme Seiten der Scharia hierzulande zu tage treten könnten, wie das Steinigen oder Handabschneiden", so Sheila Ayala, "aber wenn Kanada die Scharia akzeptiert, erkennt es alle Formen der Scharia weltweit an." (Reuters/red)

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