Der enorme Öldurst in Bushs Amerika

19. April 2005, 11:33
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In den texanischen Midlands beginnt eine Reportagereise zu den Zentren der Erdölförderung in aller Welt, um deren Beherrschung derzeit gerungen wird

Für Präsident George W. Bush liegen im texanischen Midland, wo sich alles ums Erdöl dreht, die Wurzeln seiner Identität. Hier beginnt eine Reportagereise zu den klassischen und den neuen Zentren der Erdölförderung in aller Welt, um deren Beherrschung derzeit gerungen wird.

Midland – Ausgetrocknete Felder, so weit das Auge reicht, hie und da ein paar Kakteen: Die Landschaft ist karg und eintönig, der Wilde Westen macht seinem Namen Ehre. "Wer meine Frau Laura und mich verstehen will, der muss das Wesen Midlands begriffen haben. Alles, was wir sind, alles, woran wir glauben, kommt von dieser einzigartigen Gegend", sagte George W. Bush kurz vor seinem Amtsantritt im Weißen Haus. Midland? Nun, bald sind wir da.

Riesiger Wald

Im Umfeld entdecken wir nichts, was als Vegetation durchgehen würde. Die Gegend ist wüst und leer, ein Ort heißt "Notrees" ("Keine Bäume"). Und dann taucht plötzlich ein riesiger Wald auf, er reicht bis an den Horizont. Ein Dickicht von Bohrtürmen, Pumpenschwengeln, Riesentanks, Verbindungsrohren und Ölleitungen. Auf beiden Seiten der Straße pumpen die "nodding donkeys" ("nickenden Esel") Rohöl aus dem texanischen Boden, wir befinden uns hier in einem der neuralgischen Zentren der Weltölwirtschaft.

Und dann, in der Ferne, wächst senkrecht eine Stadt aus dem Boden. Midland zählt 95.000 Einwohner. Für sie ist es die Inkarnation des amerikanischen Traums, ein harter, karger Boden, darunter aber reich an Schätzen. Ausdauer und Hartnäckigkeit haben hier den Grundstein zu einem immensen Reichtum gelegt.

Der Mann aus Maine

Bis in die 20er-Jahre gab es hier nur ruppige, wortkarge Cowboys, die einsam ihre Herden hüteten. Mit der Entdeckung der ersten Erdölquellen überschwemmte eine Armada von Ingenieuren, Geologen, Buchhaltern und Geschäftsleuten die Stadt.

Unter den Neuankömmlingen sticht ein Mann aus dem Staat Maine an der Ostküste heraus, George Herbert Walker Bush, mit seiner Frau Barbara und einem zweijährigen Baby: George W. Wir sind im Jahr 1948. Nur wenige Jahre braucht der ältere Bush, um Zapata Oil zu einer der führenden Ölgesellschaften zu machen. Sein gemäßigter, moralisierender Protestantismus lässt sich auf die einheimischen Werte ein. Erdöl und Reichtum sind nah. Man braucht hier nur zu bohren und zu schwitzen und dabei nicht die Geduld zu verlieren. Und: niemals etwas von der Regierung erwarten. Niemals.

Bushs Homeland

So wächst George W. in Midland auf. Und die Stadt wächst unaufhaltsam – rasch, wenn der Kurs für das Öl-Barrel (zu 159 Liter) steigt, gemächlicher, wenn der Kurs fällt. Seit etwa 20 Jahren gibt es hier auch ein kleines, provinzielles Manhattan mit einigen verglasten Türmen. Mittlere Angestellte haben sich ihre Villen in kleine, mit Bäumen umsäumte Schatullen am Rande des Golfklubs gebaut. Alle hundert Meter unterbricht eine der zahlreichen protestantischen Kirchen die Häuserfront. Vor jedem Gotteshaus steht eine Tafel mit Bibelversen. Sünde. Vergebung. Sternenbanner allerorten.

Die offizielle Biografie vermerkt, dass George W. mit dem Trinken aufhörte, als er Gott wiederfand und sich in Laura verliebte, eine Bibliothekarin aus Midland, die er eines Tages zur First Lady der führenden Weltmacht machen sollte. Viele Journalisten sind schon hierher ins tiefste Texas gekommen, um sich diese Geschichte erzählen zu lassen. Und hier die pikanten Details der Karriere von "W" zu erfahren: eine ungebrochene Abfolge von Besäufnissen und Pleiten, aus denen der zukünftige Präsident jedoch immer wohlhabender ausstieg. Sein Geheimnis? Es sind Freunde seines Vaters, die FOBs ("Friends of the Bushes"), die seine Rechnungen begleichen, in der Hoffnung, auf das richtige Pferd zu setzen. Nun sind sie Botschafter oder Berater im Hintergrund, besonders für Erdölfragen.

Das Pferd vor dem Saloon

An der Straße nach Houston liegt Roosevelt, ein kleiner Weiler mit rund 50 Einwohnern. Vor einem Jahrhundert band man hier noch sein Pferd vor dem Saloon fest – er diente auch als Poststelle, Greißlerei und Schnellimbiss. Eigentlich hat sich hier nichts wesentlich verändert. Nur dass man die riesigen Lastwagen vor der weißen Holzbaracke nicht mehr anbindet. Drinnen empfängt einen ein sonores "Wie geht's denn heute?". Die Waren in den Regalen sind einschüchternd: großkalibrige Gewehre und Munition.

Vier Einheimische sitzen an einem Tisch, mit dem Rücken zum riesigen Fernseher: Fox TV bringt die neuesten Nachrichten zum Irakkonflikt. Die vier Muskelprotze schenken dem keinerlei Aufmerksamkeit. Die Chefin scheint unsere Gedanken zu erraten. "Wir mussten unbedingt in den Irak", sagt sie. "Wir müssen denen eine Lektion erteilen."

Krieg wegen des Erdöls?

Ein Krieg wegen des Erdöls? Die Frage empört das gesamte texanische Establishment. Konservative Intellektuelle trifft man in Houston auf dem prächtigen Gelände der Rice University, an jenem Institut, das 1990 vom früheren Außenminister James Baker gegründet worden ist. Eine riesige Säulenhalle, ein riesiger runder Tisch, ein riesiger Orientteppich.

Der Direktor, Botschafter Edward P. Djerejian, empfängt uns. Auf dem Tisch thront sein Bericht mit dem Titel "Allgemeine Richtlinien der amerikanischen Politik im Irak nach dem Konflikt". Darin hat er das Weiße Haus beschworen, jeglichen Eindruck zu vermeiden, dass man am irakischen Erdöl interessiert sei. "Bei diesem Krieg geht es nicht um Erdöl", sagt er bestimmt. Wäre das der Fall gewesen, hätte der Präsident ja nur die Sanktionen gegen den Irak Saddam Husseins aufheben müssen, und das Erdöl wäre wieder in Strömen geflossen. Botschafter Djerejian, ein gebürtiger Armenier, beriet schon Ronald Reagan, George Bush senior und Bill Clinton. Seine Loyalität hält ihn davon ab, eine Operation anzuzweifeln, deren Risiken er nur zu gut kennt.

Das Herz des Erdölwelthandels

Unsere nächste Station, ein Besuch im Petroleum Club, der den 43. und 44. Stock des Exxon-Büroturms einnimmt, ist ein Erlebnis. Hier pocht das Herz des Erdölwelthandels, und der Salon Louisiana ist die erste Adresse für Geschäftsessen, mit seinem chinesischen Porzellan, seinen Gemälden englischer Pferde und dem atemberaubenden Blick auf den "Skyline district" von Houston mit den beiden Enron-Türmen, dem Gulf Building, dem Chevron Tower und der Texaco Heri^tage Plaza.

In der Ferne, Richtung Golf von Mexiko und seinen Raffinerien, liegt das Johnson Space Center. Öl und Weltall. Die Tiefen der Erde und die des Sternenraums: kein Wunder, dass es der texanischen Stadt in jeder Hinsicht an Bescheidenheit mangelt.

Allrad-Benzinsäufer

Im Zentrum Houstons können die Verkehrsampeln das Fahrzeugaufkommen kaum bewältigen. Wer spricht hier von Fahrzeugen? Hier fahren riesige Monster, seit sich die Verrücktheit des SUV (Sports utility vehicle) verbreitet hat. SUV? Sagen wir der Einfachheit halber: modische Geländewagen. Der Dodge Durango-8-Zylinder, zum Beispiel, der 19,7 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, oder der Chevrolet K1500 Suburban mit seinen 18,1 Litern auf 100 km, ex aequo mit dem titanischen Lincoln Navigator.

Dann donnernder Lärm, ein Hummer H2 erscheint, der überdimensionierte Jeep der US-Soldaten, der inzwischen auch für den Zivilgebrauch zugelassen wurde. Mit einer Gallone Benzin (3,785 Liter) fährt der H2 nur 16 Kilometer weit, gegenüber einer Strecke von 55 Kilometern bei kleinen europäischen Autos.

Die USA haben mehr Bedarf an Erdöl als jede andere Nation. Es ist mehr als ein Bedarf, es ist eine wahre Sucht. Die Amerikaner verbrauchen 20 Millionen Barrel pro Tag, das sind ungefähr 27 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs. Pro Kopf verbrauchen sie doppelt so viel wie etwa die Franzosen. Wohin all dieses Erdöl fließt? Zunächst einmal in den Transport. Amerika verbrennt so viel Benzin wie der Rest der Welt zusammen. Dann in eine umweltverschmutzende und verschwenderische Industrie, die nicht strengen Normen unterworfen ist wie in Europa. Um 1000 Dollar Bruttonationalprodukt zu produzieren, verbrauchen die USA 100 Kilogramm Kohlenwasserstoffe, zweimal mehr als Deutschland. Und schließlich in den Energie verschleißenden Lebensstil. Das Stadion von Houston ist dafür ein perfektes Beispiel: Es ist als einziges auf der Welt vollklimatisiert.

Alarmierte Regierung

Das ist auch der Grund, weshalb die US-Politiker von der "Energiesicherung" besessen sind. Erdöl ist für sie nicht bloß eine Ware, es ist eine Grundsäule ihrer Vormachtstellung, aber auch eine bedrohliche Waffe, die ihre Hegemonie gefährden kann. Diese Gedanken sind nicht neu. Doch seit dem Amtsantritt von George W. Bush im Jänner 2001 gehen militärische Zielsetzungen mit ölstrategischen Interessen Hand in Hand. Die erste Tat des Vizepräsidenten Dick Cheney bestand in der Vorlage eines alarmierenden Energieberichts, in dem er mit Dutzenden Grafiken das Auseinanderklaffen zwischen verfügbaren Ressourcen und dem gigantischem Energiebedarf der USA nachwies. Das letzte Kapitel ("Globale Allianzen verstärken") ist am interessantesten. Bis 2020, so erfährt man, wird Amerika 66 Prozent seines Erdöls importieren, gegenüber derzeit 55 Prozent. Deshalb sei es notwendig, Erdöl zur "Priorität der Außen- und Handelspolitik" zu machen, mit besonderem Augenmerk auf Russland, Zentralasien, die Länder am Kaspischen Meer, am Golf und in Westafrika.

In all diesen Ländern – wie auch im Irak – versucht Amerika, sein Verlangen nach dem schwarzen Gold zu stillen. Diese fanatische Jagd ist dabei, die Welt zu verändern, eine Welt des Rohöls, in die wir uns zu einer Entdeckungsreise aufmachen. (Serge Michel, Serge Enderlin, DER STANDARD Printausgabe, 24./25./26.12.2003)

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