Kommentar: Glücklich glitzernd

2. Jänner 2004, 11:28
4 Postings

Leo Szemeliker über das Dilemma der österreichischen Volkswirtschaft und das fehlende Glitzern in den Augen der Händler

Kann man einen Handelsforscher, der im Auftrag der Wirtschaftskammer eine Umfrage unter deren Mitgliedern veranstaltet, fragen, ob nicht vielleicht der hysterische Trubel um Weihnachten selbst Ursache dafür sein könnte, dass stetig weiniger Geld für Geschenke ausgegeben wird? Man kann. Man wird nur eine Antwort im Sinne des Auftraggebers bekommen: "Nichts ist schöner als das Glitzern in Kinderaugen vor dem Christbaum." Waren, geschenkt, bringen Glück in unser aller Leben. Und Geiz ist geil. Zwei Grundgesetze des Kapitalismus.

Verfall inklusive

Damit auch Glück immer wieder aufs Neue geschenkt werden kann, ist in den Waren ihr späterer Verfall eingebaut. Weihnachten kommt schließlich sicher wieder. Doch zeigen die Österreicher nicht erst heuer Ermüdungserscheinungen beim festlichen Geldausgeben zwecks Kinderbeglückung. 2003: hochgerechnet minus sieben Prozent Geschenkeumsatz. 2002: auch schon minus acht Prozent. Der eingebaute Verfall der Waren wird offenbar immer öfter ein weiteres Jahr ignoriert, Geld gespart, worauf die Preise stürzen, weil die Lager voll bleiben, worauf die Gewinnspannen der Kaufleute sinken, worauf Kosten gesenkt werden müssen, worauf Jobs abgebaut werden, worauf wieder weniger Geschenke gekauft werden.

Das Dilemma der österreichischen Volkswirtschaft wird abgebildet im Weihnachtsgeschäft. Die Arbeitslosenrate erreichte in diesem Land mittlerweile sieben Prozent, der höchste Wert seit Jahren. Daraus kann kein Glitzern in den Augen der Händler entstehen. Und dass wir bald alle "mehr Geld in der Brieftasche" haben werden, wie der größte Steuerreformator aller Zeiten wieder einmal versprochen hat, glauben wir erst, wenn wir - siehe Pensionsharmonisierung - nachzählen können. (DER STANDARD Printausgabe, 24.12.2003)

Share if you care.