Patchworkfamilie unterm Christbaum

17. Jänner 2004, 14:56
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Wenn "deine, meine, unsere Kinder" unter dem Baum zusammen kommen, gehört Weihnachten organisiert

Wien/Linz/Graz - Lena und Sarah G. sitzen am 24. Dezember unter Mamas Baum. Karin und Peter M. finden ihre Packerln unter demselben Christbaum im Wohnzimmer. Aber es ist gleichzeitig der Baum von ihrem Papa. Alle zusammen sind sie eine Familie neuen Typs - eine "Patchworkfamilie". "Meine, deine, unsere Kinder" haben Glück: Sie vertragen sich, sie freuen sich auf ein gemeinsames Fest. Ach ja, am Christtag erwartet die Großfamilie Besuch: Da kommen der andere Papa und die andere Mama. Die Kerzen am Baum werden dann wieder entzündet.

Aus Sicht von PsychologInnen hat diese Familie es geschafft, Weihnachten auf die Reihe zu bekommen und alle am Fest teilhaben zu lassen. Für solche Eltern haben Belinda Mikosz vom Wiener Jugend- und Familienamt und Brigitte Cizek vom Österreichischen Institut für Familienforschung nur Lob. Weil sie "im Interesse der Kinder handeln" und die "Paarebene und die Kinderebene" auseinander gehalten wurde. Wenn dies nicht gelingt, fließen unterm Baum die Tränen. Und zwar die aller Beteiligten. Wenn zum Beispiel der Papa die geschiedene Ex-Frau vor den Kindern schlecht macht, die Mama den Ex-Mann verhöhnt, weil "er zu nichts zu gebrauchen" sei. Da, sagt Institutsleiterin Cizek, werden alte Konflikte aus gescheiterten Beziehungen an den Kindern ausgelassen.

Unklug sei es auch, die Kinder entscheiden zu lassen, bei wem sie Weihnachten feiern wollten. Das bringe die Kinder in die Zwickmühle, also einen Loyalitätskonflikt zwischen den Eltern, die sie gerade zum Fest beide um sich haben wollen. Besser sei es, rät Cizek, wenn man den Kindern einen Rahmen vorgebe, dass eine "Hauptfeier" am Hauptwohnort stattfindet. Das ist meistens bei der Mutter. "Warum muss denn noch eine Bescherung stattfinden", wenn es doch auch schön wäre, wenn die Väter den nächsten Tag mit den Kindern im Freien verbringen würden?

Mitreden soll man die Kinder trotzdem lassen. Das sei alles eine Frage der Kommunikation, wissen Cizek und Mikosz. Die halt leider bei komplizierten Trennungen meist nicht funktioniert. Brigitte Cizek lässt keinen Zweifel: "die Trennung durchziehen". Keinesfalls solle man Beziehungswaisen die heile Familie unter dem Christbaum vorgaukeln und danach fliegen wieder die Fetzen.

Tipp: Weniger ist mehr

Belinda Mikosz rät generell zum Motto "weniger ist mehr" am Heiligen Abend und den folgenden Feiertagen. Das gilt für Packerl, das gilt für Besuche. Gerade Kinder, die als Beziehungswaisen und dann mit neuem Partner der Eltern gleich in Großfamilien kommen, seien die vielen Eindrücke kaum zu verarbeiten. Bei Kleinkindern würden mehr als drei Geschenke eine totale Reizüberflutung verursachen. Sie können sich gar nicht richtig freuen über so viele Spielsachen. Was wiederum dann die SchenkerInnen enttäuscht, wo man sich doch so große Mühe gemacht habe, weiß Mikosz aus Erfahrung.

Die beiden Psychologinnen Mikosz und Cizek bemerken aber seit einiger Zeit den Trend, dass Paare schon während des Scheidungsverfahrens zur Beratung kommen, um es später für ihre Kinder besser machen zu können. Nicht nur zu Weihnachten.

Egal in welcher Familienkonstellation, frisch geschieden oder schon wieder verliebt, die Österreicher haben sehr konkrete Vorstellungen, was für sie "Weihnachten" ausmacht. Die Stimmung dazu spüren sie schon seit Wochen in sich, hat eine Telefonumfrage eines Linzer Meinungsforschungsinstituts ergeben. Romantische Vorstellungen überlagern die Kritik, dass Weihnachten ein Konsumfest ist.

Konsum und Romantik

Für 66 Prozent der rund 400 Befragten, also die RomantikerInnen, ist Weihnachten ein "sinnliches Familienfest". Dazu gehört der "Christbaum in der Wohnung" (81 Prozent) und eine "verschneite Winterlandschaft". Rund die Hälfte der Befragten erinnert sich des religiösen Aspekts. "Üppiges Essen", "Fernsehen", "Kitsch und Konsum" bringen KonsumkritikerInnen als Mangelpunkte an der nicht immer besinnlichsten Zeit im Jahr hervor. Ein Punkt, den auch Cizek und Mikosz verurteilen. Der Druck zu Weihnachten sei auf alle enorm, erst recht in der großen Patchworkfamilie. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Printausgabe 24./25.12.2003)

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