Von der Wiege bis zur Bahre gibt es nicht nur Seminare

27. Dezember 2003, 09:00
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Emotional Leading hat große Bedeutung, aber die Manager selbst glauben es nicht: Drei Vorträge über aktuelle Trends

"Die Zeit ist schlecht." - Ein Satz wie ein erratischer Block, er könnte von Elfriede Jelinek oder Hubert Gorbach angesichts der jüngsten EU-Transitentscheidung sein.

"Die Zeit ist schlecht", zitiert auch Christine Wirl, Herausgeberin von Training, dem Magazin für Bildung und Personalwesen, einen Managementtrainer über seine Branche: "Tatsächlich hat der gute Mann Recht! In Zeiten immer knapper werdender finanzieller Ressourcen, aber steigenden Angebots von Schulungen, Weiter-, Aus-, Fort- und sonstiger Bildung bleibt für den Einzelnen ein immer kleiner werdendes Stück vom Kuchen übrig."

Langfristige Ausbildungen

Allerdings, weiß Wirl, nicht im Seminarwesen liege der Trend derzeit, sondern in langfristigen Ausbildungen. Die Vortragende, die seit sieben Jahren ihre Zeitschrift für Bildung und Personalwesen herausgibt, glaubt folgende Trends zu erkennen:

  • Lehrgänge im systemischen Coaching, in der Mediation, im Bereich der Organisationsentwicklung, Führungskräfte-Curricula, Projektmanagement-Ausbildungen, Train-the-Trainer-Programme oder auch Ausbildungen im psychosozialen Bereich wie in NLP, Gruppendynamik oder Psychodrama. Der Trend gehe in Richtung länger dauernder Lehrgänge, welche viel Geld und Zeit kosteten. Und - auf den ersten Blick überraschend - oft vom Teilnehmer selbst bezahlt werden.
  • Ganz wichtig seien Zertifikate: Sowohl die Teilnehmer selbst als auch die gegenwärtigen oder künftigen Arbeitgeber würden durch solche Zeugnisse und Abschlussbescheinigungen beeindruckt, wenngleich sich der Wert dieser Diplome wohl weniger aus einer staatlichen Anerkennung, sondern aus einem Wert am Markt ableitet.
  • Aufgefallen ist Christine Wirl auch, dass es viele Menschen gibt, welche im Alter von 30 bis 40 Jahren noch einmal ihr Leben neu orientierten: Oft durch ein einschneidendes Lebensereignis dazu inspiriert - "Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!" -, treibe es viele dieser Menschen in ihrer "Midlifecrisis" dazu, sich in Seminare zu stürzen.
  • Eine Seminarsparte, die immer stärker angefragt werde, seien fernöstliche Meditationsübungen zum Zweck der Steigerung der Konzentration. So sei zum Beispiel ein Seminar in Deutschland, bei dem man den Leuten das Essen, das Reden und jeden Kontakt zum anderen verbietet, ein absoluter "Renner". Das Seminar nennt sich "Fasten, Schweigen, Meditieren" und dauert neun Tage. Wirl hat auch selbst an einem dieser Seminare teilgenommen und ist "wie ein neuer Mensch" zurückgekommen, der sich jetzt über so einfache Dinge wie ein Butterbrot freut.
  • Im Trend liege auch Projektmanagement in jeder Form, die wenigen großen Anbieter könnten sich kaum der Teilnehmer erwehren. Dabei zeigten sich neue Seminarinhalte: etwa "Management und Tauchen" oder "Management und Pferde", wozu es in Deutschland bereits ein vielfältiges Angebot gebe.
  • Golf spielt im Zusammenhang mit Management eine immer größere Rolle, sagt die passionierte Golfspielerin Wirl (Handicap 45!)
  • Wie Schwammerln aus dem Boden schießen würden schließlich, so die Expertin abschließend, Seminare mit Stimmtrainern, Outfitberatern, Körperspracheexperten und Benimmtrainern.

Auch mit einem allgemeingültigen Satz beginnt Niki Harramach, seines Zeichens Obmann der Wirtschaftstrainer in der Wirtschaftskammer Österreich, sein Impulsreferat zum Thema "Mainstream in der internen Personalarbeit in Mitteleuropa".

"Es tut sich etwas in der Welt", hält der Wirtschaftstrainer und Experte für Human Resources fest und überrascht ein zweites Mal mit der Feststellung, wonach die Zukunft ausländischen, älteren und weiblichen Arbeitnehmerinnen gehöre.

Schub

Die EU-Erweiterung im kommenden Mai und die Globalisierung überhaupt geben einen Schub, würden Österreich gut tun, weniger schon die demografische Entwicklung, welche zu einem Generationenkonflikt führe.

Schuld an der gesunkenen Geburtenrate - stellt der Personaltrainer eine gewagte These auf - sei die Emanzipation der Frau.

Andere Mainstreams laut Harramach: Die Arbeitnehmervertretungen müssten sich in Richtung mehr Mitunternehmertum hin bewegen (Was wohl sein Vater dazu gesagt haben würde, der 17 Jahre ÖAAB-Generalsekretär gewesen war?).

Auf Sinnsuche

Durchaus unterschiedliche, oft auch gegenseitige Wertvorstellungen würden bei den kommenden Generationen aufeinander treffen - Hedonismus paare sich mit Sinnsucht, Work-Life-Balance sei angesagt ebenso wie Linienmanagement als Personalmanagement, die Rolle des Personalmanagers würde sich zum Berater wandeln. Emotion - nein Danke!

Der dritte im Bunde, der im IBM-Forum in der Vorwoche über "Emotional Leading" sprach, ist Dieter Vogel von Vision Development, Unternehmensberater aus Linz.

Sein neuestes Angebot für Führungskräfte nennt sich "Emotional Leading" und streicht die Bedeutung von Emotionen für den Unternehmenserfolg heraus.

Emotionen nicht relevant?

- No na, ist man geneigt zu sagen, doch Dieter Vogel präsentiert eine eigene, selbst gemachte Umfrage unter 53 Spitzenmanagern, deren Ergebnis überrascht: Demnach halten 55 Prozent Emotionen für nicht erfolgs- oder misserfolgsrelevant, und ebenso 55 Prozent haben sich noch keine oder kaum Gedanken darüber gemacht.

Von letztlich jenen acht Managern, die an die Macht der Gefühle glauben, setzen alle auf Eigeninitiative (lesen Bücher über ihre Probleme oder besprechen sie mit Freunden), und die meisten suchen im Sport oder auch in Seminaren nach dem Stein der Weisen.

Ach ja, das nächste Seminar von Vision Development ist Ende Jänner 2004 in Bad Schallerbach . . . (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2003, pest)

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    Die neue Sinnsuche zieht viele Teilnehmer in fern- östliche Meditations- Seminar

  • Christine Wirl, Herausgeberin von "Training", dem Journal für Bildung und Personal

    Christine Wirl, Herausgeberin von "Training", dem Journal für Bildung und Personal

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