Eine Zwischenbilanz von A bis Z

13. Jänner 2004, 14:47
4 Postings

Von Abkupfern über Anstellung, Kommissar Rex, Quote, Privatisierung bis ZiB

Abkupfern Gleiche Spielregeln, gleiche Abläufe und trotzdem eine ganz andere Sendung. "Starmania" hat nichts mit "Pop Idol" zu tun, Ähnlichkeiten zwischen "Taxi Orange" und "Big Brother" sind rein zufällig. Wie gelingt es dem ORF, erfolgreiche Formate ohne Rechtekosten fast eins zu eins abzukupfern und deshalb nichts bezahlen zu müssen? Und woran wird wohl 2004 das Realityspiel "King and Queen of Austria" erinnern? (siehe auch "Eigenentwicklung")

Aiderbichl Auch vor Weihnachten machten die Sparpläne am Küniglberg nicht Halt: Am 24. Dezember sollte spätestens im Hauptabendprogramm dem selbst produzierten "Licht ins Dunkel" ein Kauffilm Platz machen. Die Vorgabe wurde übertroffen: Statt Spielfilm treffen Brunner und Brunner, die Paldauers und Kastelruther Spatzen im Gebirge aufeinander. Zeitgleich mit Deutschlands ZDF.

Anstellung Wie Lindner vor der Wahl versprochen hat, werden mit 2004 regelmäßige freie Mitarbeiter angestellt. Damit sich das mit "beinahe unverändertem personalbezogenem Gesamtaufwand" von nur acht bis zehn Millionen Euro mehr ausgeht, muss ein Großteil der neuen Angestellten mit Teilzeitverträgen auskommen (siehe auch "Verträge"). Gut 200 müssen gehen, fast vierhundert sollen in Tochtergesellschaften ausgelagert werden.

Auslagerungen Nicht immer gereichen Auslagerungen dem ORF zur Freude, wie die Zahlungsunfähigkeit des Zulieferers Stage & Studio zeigte: Der Sendungsablauf war kurzfristig gefährdet. Das Radiosymphonieorchester wird nach langen Debatten vorerst doch nicht ausgegliedert.

"Bachelor" 518.000 sahen die Show zuletzt, magere 22 Prozent Marktanteil, schnarchlangweilige Dramaturgie, dafür Privatisierungsvorschläge von Produktionspartner RTL. War es das wert?

"Dismissed" In weitgehend ironiefreier Zone treiben Jugendliche am Samstagnachmittag vor laufender Kamera eine Art Ringelpietz mit Anfassen. Tabu ist für den ORF nur, wenn MTV Schwule turteln lässt. Bei "Herzblatt" immerhin durften sie schon. Dreamteam So hat Monika Lindner ihr Management schon länger nicht mehr bezeichnet.

Eigenentwicklung Gleiche Spielregeln, gleiche Abläufe und trotzdem eine ganz andere Sendung. "Starmania" hat nichts mit "Pop Idol" zu tun, Ähnlichkeiten zwischen "Taxi Orange" und "Big Brother" sind rein zufällig. RTL-Chef Gerhard Zeiler meinte dazu, ihm würde "ein Satz einfallen, der etwas mit Ehrlichkeit zu tun hätte". (siehe auch "Abkupfern")

Film "Mangelnde Transparenz" werfen die österreichischen Filmschaffenden dem ORF vor, wenn es um seine Aktivitäten für die österreichische Filmwirtschaft. Maximal die Hälfte der zugesicherten 70 Millionen Euro würden letztlich auch in den österreichischen Film investiert. Die Anstalt reagierte empört: "Halbwahrheiten und Falschaussagen".

"25" Teil der Lindner'schen Programmreform war das Boulevardmagazin. Die Themen sind aufgesetzt, die Moderatoren bisweilen unerträglich, die Machtart unprofessionell. Ein Misserfolg, bestätigt indirekt auch der ORF und verspricht Besserung.

Kommissar Rex Der behaarteste Polizist der TV-Geschichte kommt in die Jahre. Frauerl Elke Winkens hat genug vom Wurstsemmelschmäh und suchte nach nur 27 Folgen Tierhaltung das Weite. Der farblose Kompagnon bleibt mit dem Schäfer alleine zurück, die Quoten sind im Keller.

Kultur Nach dem unglücklich gestarteten Talk "karls.platz" kommt Anfang Jänner das etwas magazinartigere "Sunshine Airlines" von den Machern der "Sendung ohne Namen". Abgekupfert die Rahmenhandlung, findet ein Filmemacher, der das Vorbild produziert haben will.

Öffentlich-rechtlich "Wir senden gar nichts, was nicht öffentlich-rechtlich ist", sagte Monika Lindner. (siehe auc "Bachelor", "Dismissed" "Starmania")

Onlinedirektion Wurde vor allem erfunden, um im ORF-Management Platz für FP-Vertrauensleute zu schaffen. Nach fast zwei Jahren hat sie nun schon den zweiten Abteilungsleiter: Monika Lindner wollte einen neuen Bürochef, der bisherige wird in die Onlinedirektion verlegt.

ORF 2 free 2 air heißt etwas sperrig jener Teil von ORF 2 zwischen 16 Uhr und Mitternacht, den der ORF ab Jahresmitte 2004 unverschlüsselt über Satellit europaweit ausstrahlen kann, weil er die Rechte hat. Streckenweise - wie bei "Universum" - bleibt der Bildschirm dunkel. Kulturexport nennen das die Befürworter. Gegner fragen sich, warum die Österreicher ab 2004 mehr Gebühren zahlen müssen, damit Belgier oder Portugiesen die "ZiB" sehen können. Kostet bis zu zehn Millionen Euro jährlich, das inzwischen eingestellte Radio Österreich International einen Bruchteil. (siehe auch "Stiftungsrat)

Quote Öffentlich-rechtlicher als das ihrer Vorgänger ist das Programm unter Lindner nicht wesentlich - die Marktanteile sinken dennoch weiter. Die Quotenentwicklung einzelner Sendungen von "Bachelor" bis "Starmania" wollte der ORF übrigens nicht herausgeben.

Privatisierung Will zum Beispiel Styria-Chef Horst Pirker ORF 1, Ö3 oder FM 4 angedeihen lassen. Argumente: Bachelor Dismissed Starmania. Noch legt sich die ÖVP quer.

Schwarz Fast zwei Jahre im Amt reichte es Monika Lindner Anfang Dezember. Sie ließ offiziell verlauten: "Weder war noch ist Frau Dr. Lindner Mitglied einer Partei, noch prägt politisches Handeln ihre Funktion als Generaldirektorin des ORF." Mediawatch fand jedenfalls selten soviel Schwarz in den ORF-Nachrichten.

"Sport am Sonntag" sollte schon in der ersten Welle der Lindnerschen Programmreformen reformiert werden.

"Starmania" (siehe auch "Abkupfern", "Eigenentwicklung") Das Wettsingen dürfte schon wegen Quotenschwund gerade zum letzten Mal laufen.

Stiftungsrat Oberstes Aufsichtsgremium des ORF. Wünsche dieses Gremiums oder des eher kompetenzlosen Publikumsrates wie jener nach Ausstrahlung der "Krone"-Dokumentation werden freilich hartnäckig ignoriert. Investitionen wie ORF 2 free 2 air oder auch die umstrittene Übersiedelung von ORF on werden den Räten gerne scheibchenweise vorgelegt. So sind sie nicht genehmigungspflichtig.

Telenovela Die "Daily Soap" liegt nach wie vor aus Kostengründen auf Eis, dafür schmiedet man am Küniglberg Pläne, gemeinsam mit dem ZDF eine Telenovela nach lateinamerikanischem Vorbild zu basteln. Als Programmplatz vorgesehen ist der ORF 2-Nachmittag rund um "Reich und Schön", Wiederholungen von Uraltserien wie die "Drei Damen vom Grill" soll sie ersetzen.

Verträge Was der ORF dieser Tage an Vertragsentwürfen ab 2004 zur Entscheidung innerhalb weniger Stunden vorlegte, wunderte so manchen Mitarbeiter. Die "Starmania"-Redaktion zum Beispiel könnte darob ab Jahreswechsel unter Personalmangel leiden.

Werbefenster Digitaler Satellitenempfang nimmt rasant zu. Damit können auch immer mehr Satseher die Werbefenster deutscher Privatsender für Österreich empfangen, die deutlich billiger sind als Spots im ORF.

"Willkommen Österreich" soll Anfang 2004 wieder einmal wegen Quotenschwundes reformiert werden. ATV+ konnte sich dank ORF-Rauswurfs Filetstück Dieter Chmelar sichern.

Mit X kennzeichnet der ORF Sendungen, "die die körperliche, geistige oder sittliche Entwicklung von Minderjährigen beeinträchtigen können" (Rundfunkgesetz). Wo war es nur beim Gruselschocker "Schatten der Wahrheit" mit Harrison Ford und Michelle Pfeiffer am ersten Adventsonntag im Hauptabend?

ZiB Erst rief Chefredakteur Werner Mück im Herbst die Quotenkrise mit anschließender Reform aus, inzwischen ist klar: Dafür hat der ORF kein Geld. Sehermangel wegen Regierungsfreundlichkeit, sagen Kritiker. (Doris Priesching, Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 23.12.2003)

Share if you care.