Harald Schmidts letzter TV-Abend als Rätselspiel

26. Jänner 2004, 15:22
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Der Sinn gottgefälligen Pausierens muss dem schwäbischen Katholiken Harald Schmidt unmittelbar eingeleuchtet haben

Der Sinn gottgefälligen Pausierens muss dem schwäbischen Katholiken Harald Schmidt unmittelbar eingeleuchtet haben: Auch Gott sah schließlich, dass "es" gut war, und ließ seine Geschäfte am siebten Tage ruhen.

Der in Neu-Ulm geborene, am Rande der Schwäbischen Alb aufgewachsene "King of Late night", der in der heutigen Nacht vor dem Heiligen Abend seinen Schreibtisch im Mülheimer Studio für vorerst unabsehbare Zeit räumt, ist ausgebildeter Kirchenmusiker und bekennender Katholik - und hat ein protestantisches, trotz "Spaßkultur" und Format-Fernsehen überwiegend leistungsethisch orientiertes Land die Kunst der ironischen Verstellung gelehrt. Acht lange Jahre verlor der allgegenwärtige Quotendruck in Schmidts Außenstelle des spontan gewitzigten Weltgeists seine alles planierende Geltung.

Mokanter Herrenabend

Die "Harald-Schmidt-Show" begann im Frühwinter 1995 auf SAT 1 als mokanter Herrenabend im Jay-Leno-Look. Die Zielgruppe der politisch korrekten Bedenkenträger wurde mit Polenwitzen und Schmuddel-Gags gnadenlos weich gekocht - bis sich die Show plötzlich veränderte, ihre eigene Nutzlosigkeit implizit zum Thema erhob und so nebenbei die Mentalität abgebrühter Städtebewohner verhöhnte.

Schmidt verstand es, die optische Unscheinbarkeit eines leitenden Bankangestellten - gedeckte Anzüge, schmale Brillengestelle - in die Unantastbarkeit eines seriösen Comedy-Fabrikanten umzumünzen. Seine Show karikierte die Prinzipien der Hochkultur - und machte sie sich zugleich zu Eigen. Vergessen war, dass der Nürtinger Sohn eines Verwaltungsangestellten und einer Kleingärtnerin die Stand-up-Kunst des Comedians in Tausenden von Provinzsparkassenhallen verfeinern musste, ehe er im "Dritten" Knobelshows und Nonsenssendungen moderierte.

Pausen sind eben gottgefällig

Heute kann Schmidt, der ausgebildete Theaterschauspieler und bekennende Peymann-Bewunderer, eine ganze schier hysterisch gewordene Nation rätseln lassen, ob er vom Stammsender bloß im Unfrieden scheidet - oder längst ein Folgekonzept in der Brusttasche stecken hat. Pausen sind eben gottgefällig.

Nicht nur privat hält sich der Johann-Sebastian-Bach-Fan mit den langen, zartgliedrigen Organistenhänden auffallend bedeckt: Er wohnt in einer Kölner Villa, nennt drei Kinder aus zwei Beziehungen sein Eigen - und entstaubt jetzt vielleicht die zahlreichen Bambis und Grimme-Preise aus dem Handgelenk. Sammeln wird man für den (möglichen) Frühpensionär nicht müssen: An der Internet-Provider-Firma seines Bruders ist er beteiligt, er selbst besitzt "Bonito-TV". Man munkelt über ein Bauernhaus in Belgien - und glaubt, ihn auf den Zackenlinien der Schweizer Alpen bergwandern gesehen zu haben. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 23.12.2003)

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