Angekündigte Katastrophe

24. Mai 2005, 18:02
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Seit Monaten Anzeichen für Bilanzunregelmäßigkeiten

Mailand - Mit den Milliardenlöchern beim italienischen Lebensmittelkonzern Parmalat, der seit Juli 2002 die Sperrminorität an der niederösterreichischen NÖM hält, hat Europa seine bisher größte Bilanzaffäre. Was für viele überraschend kam, zeichnete sich schon seit Monaten ab.

Die wichtigsten Stationen einer angekündigten Katastrophe:

Im Februar schrillen bei den Anlegern an der Mailänder Börse erste Alarmglocken, als der größte Lebensmittelkonzern Italiens eine Serie von Anleihen im Wert von 300 Mio. Euro ausgibt. Dies wurde als Eingeständnis von Finanznöten interpretiert: Die Aktie von Parmalat verlor neun Prozent.

Im März tritt Finanzvorstand Fausto Tonna von seinem Posten zurück.

Im September kündigt die Ratingagentur Standard & Poor's an, sie werde die Bonitätseinstufung des Unternehmen möglicherweise nach unten korrigieren.

Anfang Oktober fordert die Mailänder Börsenaufsicht von Parmalat eine Erklärung, wie das Unternehmen den Teil seiner Schulden zurückzahlen will, der zum Jahresende fällig wird.

Im November beschleunigt sich der Fall des Unternehmens: Die Buchprüfer von Deloitte & Touche äußern Bedenken zu Finanzgeschäften im Steuerparadies Cayman-Inseln. Standard & Poor's macht seine Ankündigung wahr und stuft die Kreditwürdigkeit herab.

Am 8. Dezember folgt der erste Kreditausfall: Das Unternehmen kann ein fälliges Darlehen in Höhe von 150 Mio. Euro nicht zurückzahlen. Der Aufsichtsrat ruft das italienische Manager-Idol Endrico Bondi als Berater zur Hilfe, der durch die Sanierung von nationalen Großkonzernen wie dem Energieversorger Montedison (heute Edison), Telecom Italia, dem Versicherer Fondiaria-SAI und dem Stahlkonzern Lucchini bekannt wurde.

Am 10. Dezember warnt Standard & Poor's vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit. An der Börse stürzt das Parmalat-Papier daraufhin mehr als 40 Prozent ab.

Am 15. Dezember wirft Parmalat-Gründer und -Chef Calisto Tanzi das Handtuch. "Berater" Bondi übernimmt das Ruder nun auch offiziell.

Am 19. Dezember gibt Parmalat bekannt, dass ein Finanzloch von rund vier Mrd. Euro in den Konten der Finanztochter Bonlat auf den Cayman-Inseln entdeckt wurde. Die Bank of America hatte zuvor Dokumente über Guthaben in dieser Höhe bei sich als Fälschung bezeichnet. Die Aktie stürzte nochmals um 60 Prozent auf nur noch 30 Cent ab.

Am 20. Dezember nimmt die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Bilanzfälschung und Betrug gegen Unbekannt auf. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi kündigt an, seine Regierung werde notfalls eingreifen, um das Unternehmen und die dortigen Arbeitsplätze zu retten.

Am 22. Dezember versichern Zeitungen, zum Teil unter Berufung auf die Staatsanwälte, dass das Finanzloch bei Parmalat auf zwischen sieben und zehn Mrd. Euro anwachsen könnte. (APA)

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