Ein Tag im Jahr

25. Dezember 2003, 07:00
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Christa Wolf: "Schreiben als Widerstand gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein"

"Schreiben als Widerstand gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein" - die Umsetzung ihres Zitats ist Christa Wolf mit "Ein Tag im Jahr" bravourös gelungen.

1960 erging an die Schriftsteller – die Schriftstellerinnen waren wohl mitgemeint - der Welt ein Aufruf der Moskauer Zeitung Iswetija, sie mögen den 27. September dieses Jahres so genau wie möglich beschreiben. Maxim Gorki hatte 1935 die SchriftstellerInnen aufgerufen "Einen Tag der Welt" zu dokumentieren. Christa Wolf hat insofern die Idee erweitert, da sie nicht nur den 27.9.1960 beschrieben hat, sondern alle 27.9. seither.

Die ersten 40 Berichte dieser Herbsttage halte ich jetzt in meinen Händen. Ich, Jahrgang 1960 und eine alte "Christa Wolf – Verehrerin", verfalle schon beim Vorwort in meine alte und immer wieder neue Begeisterung für eine der gescheitesten Frauen unserer Zeit. "Wie kommt Leben zustande?", so beginnt dieser Text und ich werde mitgerissen in die Welt einer politisch gebildeten Frau, die mit ihrem Lebenspartner so gerne "über Kunst und Revolution, Politik und Kunst, Ideologie und Literatur" diskutiert, die Welt einer Schriftstellerin, die sich ihre Zeiten zum Schreiben erkämpfen muss, - einer Mutter, der es so geht wie allen anderen berufstätigen Müttern auch, - einer Staatsbürgerin der DDR und deren Gremien und später einer Staatsbürgerin der BRD mit ihren schreienden Farben. Ich bleibe beim Lesen dann doch immer wieder einmal bei den Töchtern hängen, die mir vom Lebensalter her immer wieder sehr nah sind.

40 mal beschreibt Christa Wolf das Aufstehen und einmal fragt sie ihren Gerd, ob er sie noch liebt. 40 mal erfahre ich etwas über die politische Welt in Europa und was sich eine gebildete, erwachsene und autonome Frau dazu denkt und 40 mal erlebe ich eine Frau, die liebt, sich sorgt, den Alltag schafft, müde ist, klar und scharf denkt und das noch dazu sehr oft. Noch einmal erfahre ich Hintergründiges zu "Nachdenken über Christa T.". 40 mal lese ich Gedanken und Berichte von den Tagen vor und nach der "Wende"; und durch die Seiten rieche ich den Holundersaft, der durch den Entsafter läuft. Lebendig, eine LEBENsgeschichte aus dem Leben einer Frau. "Das Private ist politisch" – fällt mir immer wieder ein und Christa Wolf hat es nie verwechselt mit "das Persönliche ist öffentlich zugänglich". Das tut einer linken Feministin einfach gut! Ich werde diesen genialen Bericht meiner Mama schenken, meinen besten Freundinnen und meiner Liebsten sowieso!

P.S.: Christa Wolf hat die 27. September 03/02/01 schon beschrieben. Die zu lesen, darauf freue ich mich schon!

Von Gastautorin Ruth Devime

Christa Wolf:
Ein Tag im Jahr
1960 – 2000
Luchterhand 2003
EUR 25
  • Artikelbild
    bild: buchcover
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