Ortstafeln und Marmelade

4. Jänner 2004, 21:58
1 Posting

Was auf Marmeladegläsern funktioniert, sollte auch bei Kärntner Ortseinfahrten klappen - von Conrad Seidl

Kleines Gedankenexperiment: Was würde wohl unsereins sagen, wenn in Brüssel beschlossen würde, in der EU nur noch einheitliche Ortsschilder in englischer Sprache aufzustellen? Verstehen würde solche Schilder wohl jeder Europäer, die Österreicher selbst eingeschlossen, weil Englisch ohnehin die Lingua franca der Business-Welt ist. Aber das wäre kein zulässiges Argument: Wir wollen auf der Wiener Ortstafel gerne "Wien" stehen haben und nicht nur "Vienna" - ob wir Deutschsprachigen nun in der EU eine Mehrheit sind oder nicht.

Irgendwie gehört ja jeder zu einer Minderheit - und wir wollen das Recht haben, dass Aufschriften in unserer Sprache angebracht sind. Ob auf Ortstafeln oder auf Marmeladegläsern. Es ist ja, wie die Diskussion in diesem Herbst gezeigt hat, auch unter Deutschsprachigen nur eine Minderheit, die Marillenkonfitüre als Marillenmarmelade bezeichnet. EU-Kommissar Franz Fischler hat daraufhin das Naheliegende vorgeschlagen: Zweisprachigkeit - also die minderheitensprachliche Bezeichnung Marmelade und die allgemein verständliche Aufschrift Konfitüre auf ein und demselben Etikett.

Und bei Ortstafeln in Kärnten soll das nicht klappen?

Natürlich haben die Ortstafeln einen höheren Symbolgehalt als die Aufschrift auf Marmeladengläsern. Ortstafeln führen der Bevölkerungsmehrheit tagtäglich die Existenz der Minderheit vor Augen - die von manchen Kärntnern gerne weggezählt, weggerechnet und wegdiskutiert würde. Sie ist aber da. Und sie hat Rechte, die längst verbrieft sind. Die längst vom Verfassungsgerichtshof bestätigt sind. Aber es geht nicht nur um Rechte, es geht auch um das nachvollziehbare Gefühl, die Dinge in der eigenen Sprache benannt sehen zu wollen. Diesem Gefühl wird man nur mit Zweisprachigkeit gerecht. Und mit Großzügigkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2003)

Share if you care.