Das Fleisch ist willig, doch Mariedl schwach

15. Jänner 2004, 14:51
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Ersatzstoffe auf Lager: Im Burg-Kasino dichtet man mit vier Hommage- Produktionen Werner Schwab hinterher

Wien - Der steirische Großdramatiker Werner Schwab, der zu Neujahr zehn Jahre tot sein wird, hat als letzter Metzger die Theatermanufakturen mit Frischfleisch beliefert: Immer auf Augenhöhe mit seinen Menschenbrüdern, die er an seinen kurios verdrehten Satzketten spazieren führte, ehe er sie im Schmutz ihrer eigenen Sprachausdünstungen verkommen ließ.

Ob man ihn deshalb posthum einen Moralisten nennen soll, diese Entscheidung steht aus. Die Theater spielen ihn kaum - und wenn sie sich seiner pflichtschuldig erinnern, dann müssen es schon Die Präsidentinnen sein: drei Küchenbankphilosophinnen, deren berühmteste, Mariedl, es zu Nachruhm gebracht hat, indem sie sich als klosettreinigende Dienstleistungsperle ihr Gulaschdosenfrühstück aus dem verstopften Abflussrohr eigenhändig herauszauberte - ohne Zuhilfenahme eines Handschuhs. Mariedl gehört daher zu den Gewinnerinnen im abortfinsteren Schwab-Kosmos. Es verwundert nicht, dass einer von vier Hommage-Dichtern, die sich im Auftrag von Burg-Dramaturg Andreas Beck auf den Verstorbenen ihren szenischen Reim machen durften, ausgerechnet auf Mariedl zurückgreift: Bernhard Studlar, neben Kathrin Röggla, Robert Woelfl und Franzobel ein Beiträger, lässt im Burg-Kasino gleich sieben Putzfrauen wiederauferstehen.

Und der Witz seiner kleinen Kantinen-Revue Mariedl-Kantine liegt in der Verkehrung der Verhältnisse. Schwab krault die alten Katzen auf deren Küchenbänken um die Wette. Die schimmlige Milch der Bigotterie stinkt derweil zu jenem Himmel, der sich für sie als Hölle auftun wird.

In Stephan Rottkamps unendlich zügiger, burschikoser, aber auch seltsam inhaltsleerer Regie schlüpft eine gut gelaunte Schauspielertruppe in die Altkleider aus der circa vorvorletzten Caritas-Sammlung (Ausstattung: Katharina Kromminga) und hetzt durch Studlars Szenchen, die man bei einigem guten Willen als Folge von Fortschreibungswitzchen bezeichnen könnte: Ätsch, jetzt bin ich das Mariedl - und du bist draußen. Überhaupt fällt auf, dass die Nachfahren von Schwabs Sudelästhetik in den Zeitungen nicht mehr unter "Vermischtem" nachschauen, wer wen abgestochen hat - sondern im Wirtschaftsteil.

Kathrin Rögglas Dramolett totficken. totalgespenst. topfit spielt in einem Wald aus gestürzten Styroporstelen, wo zwei Ehepaare, je eines aus Österreich und der Bundesrepublik, um die Wette eifern: Wer hat die schöneren Abstraktionsbegriffe auf Lager für die Umwandlung der Welt in eine Einbauküche? Das schnurrt dank Schauspielern wie dem Großkomiker Juergen Maurer im Nu vorüber.

Woelfls Elegie Mann und Frau in der Hundestellung wird überhaupt gleich vom Band gesprochen - Raspel und Späne von Beziehungskisten, während neun Schauspieler im gedämpften Licht schweigend das Weltgefängnis aufräumen und elegant unter der Petitesse wegtauchen.

Franzobels Schwabradies packt den großen Toten hingegen bei dessen unsäglichstem Klischee: War ein Heidentrinker. Musste immerzu auf fremdes Geheiß Stücke zimmern. Hätte in Wahrheit lieber ein Schiff als Trockenkapitän auf die hohe See seiner Einbildungskraft hinausgelenkt. Die Matrosen freilich sind grunzende, "schmähführende" Schweine: In dieser gar nicht unwitzigen Hommage kommt eine Art Westentaschen-Stronach (Bernd Birkhahn) zum Dramatikerausverkauf persönlich angereist. Doch Schwabs höllische Einbildung muss ans Licht. Sein Werk ersetzt kein Strauß aus bonbonbunten Surrogaten. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2003)

Von Ronald Pohl
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    Lieber Dichter, dichte mir ...: Michael Cucuffio als "Schwab" in Franzobels Stück, umstanden von "Schweinen"

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