Insolvenzantrag erwartet

23. Dezember 2003, 19:14
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Bilanztricks und Fälschungen bereits seit Ende der 80er Jahre angewendet - Bank of America klagt wegen Urkundenfälschung

Rom - Der durch einen Finanzskandal am Rande des Ruins stehende italienische Lebensmittelkonzern Parmalat könnte noch an diesem Dienstag Insolvenz und Gläubigerschutz beantragen. Damit könnte der Betrieb nach italienischem Recht zunächst weiter geführt werden.

Der neue Konzernchef Enrico Bondi sei am Morgen zu Gesprächen bei der Staatsanwaltschaft von Parma eingetroffen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur ANSA. Bondi habe eine umfassende Dokumentation zur dramatischen Finanzlage des Unternehmens übergeben, hieß es.

Für Dienstagabend war eine außerordentliche Sitzung des Parmalat- Vorstands vorgesehen. Die Parmalat-Aktie wurde in Erwartung einer offiziellen Mitteilung des Unternehmens an der Mailänder Börse für den ganzen Tag vom Handel ausgesetzt. Am Montag war sie von 0,30 auf 0,11 Euro abgestürzt.

Aktie büßt 93 Prozent ein

Innerhalb von zwei Wochen hat die Aktie 93 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Unterdessen will auch das italienische Parlament die Vorgänge untersuchen, die zum bisher spektakulärsten Finanzskandal in der italienischen Wirtschaftsgeschichte geführt haben. Die italienische Regierung will verhindern, dass durch die Parmalat-Pleite tausende Arbeitsplätze verloren gehen.

Am vergangenen Freitag war bekannt geworden, dass in der Bilanz von Parmalat ein Finanzloch von rund vier Mrd. Euro klafft. Die Ermittler gehen davon aus, dass weitere Milliardenbeträge, die in der Bilanz erscheinen, in Wahrheit nicht existieren. Bilanztricks und Fälschungen seien bei Parmalat bereits seit Ende der 80er Jahre angewendet worden, berichtete ANSA unter Berufung auf die Justiz.

Gegen den Gründer und ehemaligen Parmalat-Präsidenten Calisto Tanzi sind ebenso Ermittlungen eingeleitet worden wie gegen rund 20 weitere Personen. Tanzi war erst am Montag der Vorwoche zurückgetreten, nachdem die finanzielle Schieflage des Unternehmens ruchbar geworden war.

Bank of America klagt wegen Urkundenfälschung

Die Bank of America hat inzwischen Klage bei der Mailänder Staatsanwaltschaft eingereicht. Das US-Institut werfe Vertretern von Parmalat vor, Unterlagen gefälscht zu haben, berichteten die italienischen Nachrichtenagenturen Ansa und Radiocor am Dienstag.

Die Bank of America hatte die bisher größte Bilanzaffäre in Europa in der vergangenen Woche ins Rollen gebracht. Das Unternehmen hatte dabei Angaben der Parmalat-Finanztochter Bonlat mit Sitz auf den Cayman-Inseln dementiert, wonach diese ein Konto bei der US-Bank mit einem Guthaben von 3,95 Mrd. Euro habe.

Dokumente, die dies beweisen sollten, seien offensichtlich gefälscht. Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt in dem Fall bereits gegen Unbekannt wegen schweren Betrugs, Täuschung der Wirtschaftsprüfer und Kursmanipulation. (APA/dpa)

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NÖM

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    Die Bilanzlöcher bei Parmalat dürften sogar schon den jährlichen Umsatz übersteigen

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