Kopf des Tages: Marspionier mit Liebe zur Science-Fiction

30. Dezember 2003, 11:22
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Weihnachten verbringt Rudolf Schmidt im Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa

Weihnachten verbringt Rudolf Schmidt im Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa in Darmstadt. "Es ist das allererste Mal, dass meine Familie den Heiligen Abend ohne mich verbringen muss", sinniert der 54-jährige Astrophysiker.

Ganz wohl ist ihm dabei nicht. Aber als Projektverantwortlicher der ersten europäischen Marsmission, die just zu dieser Zeit in die entscheidende Schlussphase tritt, kann er nicht zu Hause sein, im niederländischen Noordwijk nahe Den Haag, wo seine Frau, eine Wirtschaftswissenschafterin, ein eigenes Unternehmen unterhält, sein Sohn und seine Tochter, 15 und 17 Jahre alt, das Gymnasium besuchen und er selbst seit 1982 ein Wissenschafterteam im Estec, dem Technologiezentrum der Esa, leitet. Wenn er nicht gerade vom deutschen Kontrollpult aus einen 300 Millionen Euro teuren Forschungssatelliten samt Beiwagerl durchs Weltall steuert.

"Zwei Geschenke wünsche ich mir vom Christkind", verrät der gebürtige Österreicher: dass der "Mars Express" in seine vorgesehene Umlaufbahn um den Roten Planeten tritt und sich "Beagle 2" von der Marsoberfläche meldet. Bekommt er die, geht er "am 27. Dezember glücklich nach Hause". Nicht aber, um sich auf seinem kosmischen Lorbeer auszuruhen, sondern um am nächsten Esa-Projekt weiterzubasteln: dem "Venus Express", einer Kopie der Marsmission, nur eben in die andere Richtung - zur Sonne hin.

"Der Start dieser Sonde ist am 26. Oktober 2005 geplant", verkündet Schmidt, der auch dabei die Projektverantwortung hat, enthusiastisch. "Allerdings werde ich die Mission nicht ganz bis zum Ende begleiten können, denn ich soll eine noch größere Weltraummission beginnen. Es ist aber noch zu früh, mehr darüber zu sagen." Ehrgeizig? "Meine Frau sagt Nein." Er glaubt ihr.

Wie aber konnte er sonst eine derartige Karriere machen? "Zufall", vermutet der 1949 im steirischen Hartmannsdorf geborene Liebhaber von Science-Fiction-Romanen - "die lesen sich alle so herrlich einfach, das hat gar nichts mit wirklichen Problemen zu tun". Ein solches war es auch, das den begeisterten "Modelleisenbahner und Handwerker im eigenen Heim" ins Universum führte.

"Nach meinem Studium in Graz war es für einen Physiker sehr schwer, einen Job zu finden", erinnert sich Schmidt. "In den Stellenangeboten der Kleinen Zeitung hab ich dann zwischen Maurer und Fleischer eine offene Stelle am Grazer Institut für Weltraumforschung gefunden." Er wurde genommen. Für seine Dissertation hatte er Magnetsensoren für die Medizin entwickelt, nun bastelte er "Magnetometer" für die Raumfahrt. Russen bestückten damit Sonden, Amerikaner Spaceshuttles. Dann wollte ihn die Esa haben. "Ich hab' Ja gesagt. Jetzt schauen wir weiter." (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 12. 2003)

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