Ökonomie des Guten

2. Jänner 2004, 19:51
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Soziales Engagement und Spendenbereitschaft ist so groß sind wie nie zuvor - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Nicht erst seit den hitzigen (Sozial)reformdiskussionen ist allseits von Entsolidarisierung die Rede: das bismarcksche Staatsideal der organisierten Solidargemeinschaft wird in Frage gestellt und gleichzeitig Egoismus und Ellbogenmentalität auf breiter Front moniert.

Wahr ist jedoch, dass soziales Engagement und Spendenbereitschaft so groß sind wie nie zuvor: 51 Prozent der Österreicher engagieren sich mit über 16 Mio. Stunden pro Monat ehrenamtlich und 81 Prozent spenden eine halbe Mrd. Euro jährlich. Und das unternehmerische Engagement nimmt zu - allerdings ausgehend von einem Zehntel des privaten Spendenaufkommens. Es besteht Aufholbedarf:

1 Gute Taten tun gut: "Die soziale Verantwortung von Unternehmen ist, Gewinne zu maximieren, und nichts anderes." Was Milton Friedman 1970 formulierte, muss heute überdacht werden. Denn Gemeinsinn und Geschäft gehen Hand in Hand, wie eine US-Untersuchung zeigt: 76 Prozent der Unternehmen stellen eine Erhöhung der Mitarbeiterproduktivität fest und zwei Drittel der US-Bürger ziehen Produkte und Aktien von sozial engagierten Unternehmen vor. "Wir engagieren uns gesellschaftspolitisch, um langfristig unser Geschäft zu sichern," bringt es BMW auf den Punkt.

2 Strategische Philanthropie ersetzt "Scheckbuch-Charity": "Greenwashing" - Geldspenden zur Kompensation von Umweltsünden - kommt nicht gut an. Die Mitwirkung an der Lösung gesellschaftlicher Probleme mit unternehmensspezifischen Kompetenzen ist das, was Top-Philanthropen auszeichnet. Microsoft, mit 207 Mio. Dollar drittgrößter US-Spender, fördert beispielsweise die Sprachkompetenz von Vorschulkindern. 100 deutsche Kindergärten werden von ebenso vielen Microsoft-Mitarbeitern ehrenamtlich betreut.

3 Mehr ist möglich: "Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande" sagte einst Andrew Carnegie und finanzierte unter anderem 2811 öffentliche Bibliotheken. Ob Bill Gates (23 Mrd. Dollar) oder George Soros (2,4 Mrd.) - sie verkörpern die amerikanische Spendierfreude. Großzügige steuerliche Abzugsmöglichkeiten und ein modernes Stiftungsrecht haben dazu geführt, dass die Amerikaner mit insgesamt 170 Mrd. Dollar oder 1600 Dollar pro Haushalt Spendenweltmeister sind.

Mit 0,24 Prozent vom BIP liegt Österreich weit abgeschlagen hinter der Schweiz (0,30 Prozent) und Deutschland (0,31 Prozent). Eine Reform der Spendenabsetzbarkeit, die freiwilliges Engagement steuerlich stärker belohnt, ist dringend geboten.

4 Ein Zielabgleich ist nötig: Der aktuelle Zustand, dass Spenden an bestimmte wissenschaftliche Institutionen gefördert werden, jedoch ein Großteil der sozialen Einrichtungen - siehe SOS Kinderdörfer - nicht, ist kontraproduktiv. So auch das Fehlen von Anreizen für die Leistung ehrenamtlicher Arbeit in bestimmten Schwerpunktbereichen. Der Konnex zwischen dem - notwendigen - Rückzug des Staates und der - kompensatorischen Steigerung des ehrenamtlichen Engagements muss hergestellt werden. Denn, so Laotse: "Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut."

Zwischen Mutter Teresa und Robin Hood zeigt uns F. A. von Hayek den richtigen Weg: "Es ist eine grundlegende Illusion des Sozialismus, dass sich Armut durch Umverteilung des vorhandenen Wohlstandes beseitigen lässt." Die sozialen Herausforderungen lassen sich auf Dauer nur lösen, wenn alle Unternehmer und Bürger ein unbürokratisches Klima vorfinden, in dem sich Leistung - auch die ehrenamtliche - lohnt. (DER STANDARD Printausgabe, 20.12.2003)

Nachlese

->Der "heilige" Harald
->Mit Dagobert Duck im Pool
->Arme Alma (Mater)
->Von Tauben und Falken
->Der Preis ist heiß
->Fastfood fürs Gehirn
->Der "Seele" auf der Spur
->Ein amerikanischer Traum
->Die Kraft der Liebe
->Volkstheater Voest
->Manna vom Osten
->Es lebe die "Diktokratie"
->Goodbye Gurus?
->Wohlstand für viele Menschen
->Höchst gesunde Aussichten
->Die hohe Kunst des Ausruhens
->"...hominis est errare...
->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
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->Jazz statt Symphonie
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->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
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->Die Demokratisierung des Luxus
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->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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