Sicher wie der Tod

2. Jänner 2004, 19:23
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Haider hat nichts zu verlieren - Eine Kolumne von Günter Traxler

Es ist wie mit dem Tod. Ungewiss ist die Stunde, sein Kommen gewiss. Wann Jörg Haider irgendetwas tun würde, das ihm vor der Landtagswahl in Kärnten jene Aufmerksamkeit sichert, der er in den letzten Monaten entraten musste, war unsicher; sicher war, dass er etwas tun würde. Der Termin war dann nicht schlecht gewählt. Eben schickt sich das Land an, in weihnachtliche Starre zu verfallen, es galt also, gute zwei Wochen politischer Leere mit seiner Person aufzufüllen und gleichzeitig von dem üblen Geschmack nicht gehaltener Versprechen abzulenken: im Bund die Pensionsharmonisierung, wo die FPÖ mit schuld, im Land die fatale Budgetsituation, an der die FPÖ allein schuld ist. Auf einmal reden alle wieder vom bösen Jörg.

Er kann 's nicht lassen, war der Tenor der ersten Reaktionen. Falsch - er musste etwas tun. Und er musste sich dafür nicht einmal etwas Originelles einfallen lassen. Die Einschätzung der Welt, mit der er nun um öffentliches Interesse buhlt, unterscheidet sich nicht von seinen früheren Deutungen, auch nicht von der, die er bereits Anfang des Jahres in seinem dümmlichen Büchlein "Zu Gast bei Saddam" deponiert hat. Er hat es halt wieder einmal gesagt, und all jene, die Schüssels Angeberei von der Zähmung des Ungustiösen glaubten, sind nun pikiert.

In diesem Kärntner Wahlkampf tritt Haider zum ersten Mal in seiner politischen Karriere nicht als der Kämpfer gegen eine verrottete Obrigkeit an, sondern er ist sie selber. Die Folgen zeichneten sich in Meinungsumfragen bereits ab. Und selbst wenn er durch irgendwelche Mauscheleien wieder Landeshauptmann werden sollte - allein die Tatsache, dass er nach einer Periode Arbeit für Kärnten nicht mehr die stärkste Kraft repräsentiert, zerstört seinen Nimbus als Held der fleißigen und anständigen kleinen Leute auch in seiner Hochburg definitiv, nachdem er im Bund unwiederbringlich perdu ist.

Da seriöse politische Arbeit nicht zu seinen Stärken gehört, musste etwas inszeniert werden, was bei geringstem Aufwand den größtmöglichen Effekt versprach. Was ihm dazu eingefallen ist, birgt nur scheinbar ein Risiko, hat aber zwei Vorteile: Er steht endlich wieder einmal im Mittelpunkt, und er katapultiert sich in die Rolle zurück, in der er seine größten Erfolge feierte: Der Jörg allein gegen alle.

Die Brise im Wasserglas hatte sich noch nicht gelegt, da lief die Propaganda der FPÖ in diesem Sinne schon an. "Jetzt ist die Sachlage wieder klar: Die FPÖ tritt gegen die rot-schwarze Einheitspartei an", trommelte Haider. Daher könne nur eine klare Mehrheit für die FPÖ - die zurzeit unerreichbar erscheint - auch für klare Verhältnisse sorgen. Und praktisch wortgleich sein Kärntner Landvogt Martin Strutz: Ein rot-schwarzer Pakt solle Jörg Haider als Landeshauptmann verhindern.

Nun ist dieses Stricken an einer Dolchstoßlegende so originell wie Haiders Methode, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber er hat dabei nichts zu verlieren. Im schlimmsten Fall geht die Taktik nicht auf, und ob er in Kärnten mit 35 oder mit 25 Prozent nicht Landeshauptmann wird, ist letztlich egal.

Auf die ÖVP braucht er dabei nicht viel Rücksicht zu nehmen, Schüssel benötigt nächstes Jahr Haiders Unterstützung viel dringender als umgekehrt. Ohne diese kann sich Frau Ferrero-Waldner die Hofburg abschminken, noch ehe der Wahlkampf begonnen hat, und es dürfte Schüssels Position kaum stärken, wenn der ÖVP der Salzburger Landeshauptmann auch noch verloren geht.

Die kläglich-sparsamen Reaktionen aus dem schwarzen Regierungsteam zeigen an, dass man in der ÖVP weiß, was auf dem Spiel steht. Es ist daher nicht auszuschließen, dass Georg Wurmitzer, für den Haider derzeit so gut wie abgewählt ist, doch noch dem Druck der Zentrale erliegt. (DER STANDARD, Printausgabe, 20/21.12.2003)

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