"Durch Raub bereichert"

26. Dezember 2003, 19:16
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Die Nationalbibliothek legt einen Bericht über 25.506 Erwerbungen aus der NS-Zeit vor, die als bedenklich gelten und restituiert werden könnten

Die Nationalbibliothek stellte sich auf exemplarische Weise einem "dunklen Kapitel" – und legt nun einen Bericht über 25.506 Erwerbungen aus der NS-Zeit vor, die als bedenklich gelten und restituiert werden könnten.


Wien – Nicht nur das eine oder andere Bundesmuseum, auch die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) reagierte 1998 halbherzig auf die Weisung von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, die Bestände nach Sammlungsobjekten zu durchforsten, die in der NS-Zeit geraubt und nie restituiert oder in der Nachkriegszeit abgepresst wurden.

Doch von der eher widerwillig betriebenen Provenienzforschung ahnte Johanna Rachinger, seit Juni 2001 Generaldirektorin, nichts, als sie im April 2002 das dürftige Ergebnis der Nachforschungen – man war auf 8400 Titel gestoßen, die zwischen 1938 und 1945 von der Gestapo eingeliefert worden waren – bekannt gab. Denn man hatte lediglich die Druckwerke kontrolliert, die, wie Rachinger schließlich eingestehen musste, ein "geringfügiges Wirtschaftsgut" darstellen, und nicht die ungleich wertvolleren Autografen, Inkunabeln, Musikhandschriften et cetera.

Die Kritik ließ Rachinger aber nicht auf sich sitzen: Sie beauftragte Margot Werner, eine externe Historikerin, mit der Abfassung eines lückenlosen Gesamtberichts. Diese Entscheidung war eine exemplarische: In anderen Häusern wie dem Kunsthistorischen und dem Wien Museum wurden die Hausarchivare betraut, die Provenienzberichte zu erstellen. Die Abhängigkeit der Forscher von den Institutionen ließ daher mitunter den Verdacht aufkommen, dass sie nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgingen oder -gehen.

Bericht mit 3500 Seiten

Aber auch das nach anderthalb Jahren intensiver Arbeit vorliegende Endergebnis ist ein exemplarisches: Der mehr als 3500 Seiten starke Bericht (mehrere Ordner) enthält Angaben zu 14.133 Druckschriften und 11.373 Sammlungsobjekten sowie einem ungezählten Bestand an Fotografien (circa 15.000 aus der Sammlung des Journalisten Raoul Korty), die als bedenklich eingestuft werden, also höchstwahrscheinlich geraubt wurden. Die Nachforschungen beruhen auf einer Überprüfung aller in der NS-Zeit erfolgten Erwerbungen anhand der Inventarbücher, des Aktenmaterials sowie an den Objekten selbst (100.000 Signaturen). Darüber hinaus wurden weitere 50.000 Inventarisierungen, die bis in die 80er-Jahre reichen, durchgesehen.

Respekt verdienen zudem die klaren Worte: Die ÖNB betrachte, so Rachinger, diesen Provenienzbericht nicht nur als eine gesetzliche Verpflichtung, sondern auch als "moralische Pflicht", weil sie sich "nachweislich in der NS-Zeit durch Raub an verfolgten Personen bereichert hat". Ein derart schonungsloser wie ehrlicher Umgang mit der eigenen Vergangenheit stünde vielen Institutionen – vom Dorotheum angefangen – gut an.

Moralische Pflicht

Und noch etwas Entscheidendes fällt auf: Während das Bundesdenkmalamt die Biografien der in der NS-Zeit tätigen Mitarbeiter weiterhin ziemlich beschönigt (man lese beispielsweise den Eintrag zu Herbert Seiberl, einst Gaukonservator für Wien und Niederdonau, im Buch Personenlexikon zur Österreichischen Denkmalpflege aus dem Jahr 2001), betrachtet die ÖNB das Wirken von Paul Heigl, der das Haus von 16. März 1938 bis zu seinem Selbstmord im April 1945 leitete, äußerst kritisch und distanziert: ie guten Beziehungen des "überzeugten Nationalsozialisten der ersten Stunde und SS-Mitgliedes höheren Ranges" zu Gestapo, Schutzstaffel und Sicherheitsdienst waren, so die ÖNB in ihrem Pressedossier, "seiner aggressiven Erwerbungspolitik im hohen Maße dienlich". Im Aktenbestand "finden sich zahlreiche Ansuchen Heigls um Beschlagnahme und Verwertung jüdischen Vermögens".

Und diesen wurde in der Regel stattgegeben: Die ÖNB erhielt ganze Bibliotheken (darunter jene der Kultusgemeinde), aber nicht nur aus Wien, sondern auch aus besetzten Gebieten, aus dem Protektorat Böhmen und Mähren sowie der "Operationszone adriatisches Küstenland". Wie viele Bücher und Objekte – oft mit dem Kürzel "P 38" (für Polizei 1938) versehen – in die ÖNB eingeliefert wurden, lässt sich heute nicht mehr feststellen: Doubletten wurden verkauft oder getauscht, unerwünschtes Schrifttum vernichtet.

Zögerliche Restitution

Nach dem Krieg restituierte die ÖNB lediglich etwa 5420 Druckschriften. Denn die Rückgabe war, wie man heute bekennt, "auf Geschädigte beschränkt, die aktiv ihren Anspruch geltend machten". Erst aufgrund des Kunstrückgabegesetzes 1998 kam es zu Restitutionen äußerst wertvoller Bestände, darunter dem Nachlass von Roda-Roda und dem Rothschild-Gebetbuch.

Margot Werners Bericht listet nun exakt auf, welche Objekte noch immer in der ÖNB lagern. Bei den Druckschriften gibt es in der Regel (11.918 Bände von 14.133) leider keine Hinweise auf den Eigentümer. Umgekehrt verhält es sich bei den ungleich wertvolleren Sammlungsobjekten: In 8396 von 11.373 Fällen ist der Vorbesitzer bekannt. Diese hätten längst zurückgegeben werden können. Aber man wollte sich von den Preziosen nicht trennen. Denn unter diesen finden sich 6841 Autografen, 182 Handschriften, drei Inkunabeln und 13 Musikhandschriften: Ein Partiturfragment von Johann Strauß aus dem Zigeunerbaron, das Marta Schlüchterer gehört hatte, genauso wie ein Brief von Friedrich Schiller, den Max Berger besessen hatte.

Fünf Briefe (u. a. von Victor Hugo, Ludwig Anzengruber und Hugo von Hofmannsthal) stammen aus der "Sammlung Duschinsky". Über den Fall Duschinsky berichtete der STANDARD erst vor zwei Tagen: Die Erben nach Ernst Duschinsky kämpfen ziemlich aussichtslos um die Rückgabe von zwei Egger-Lienz-Bildern, die im Leopold Museum hängen, und ein weiteres Gemälde, das sich in der Kärntner Landesgalerie befindet. Wenn die ÖNB den Besitz der Autografen als bedenklich einstuft, wie verhält es sich dann bei den Egger-Lienz-Bildern? (DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.12.2003)

  • Das "Judenauswanderungs- amt" übergab der Nationalbibliothek 1941 einen Brief, den Friedrich Schiller wenige Wochen vor seinem Tod schrieb. Er gehörte einst Max Berger.
    foto: önb

    Das "Judenauswanderungs- amt" übergab der Nationalbibliothek 1941 einen Brief, den Friedrich Schiller wenige Wochen vor seinem Tod schrieb. Er gehörte einst Max Berger.

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