"Nicht alles im Burgenland ist ungewöhnlich"

    31. Jänner 2004, 20:36
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    Wolfgang Weisgram, Sportredakteur und Burgenland-Korrespondent des STANDARD, sprach mit ballesterer fm über die Besonderheiten des pannonischen Spiels

    ballesterer fm: Sie sind bekannt als Experte für burgenländischen Fußball. Wo und wann hat Ihre Liebe zum Fußball begonnen?

    Weisgram: Nicht im Burgenland. Ich bin ein gebürtiger Niederösterreicher, komme aus dem Triestingtal und hab’ dort beim FC Pottensten gespielt. Als Schlechtester natürlich Außenpracker. Dann hat ein Schulwechsel nach Wiener Neustadt stattgefunden. Die Verbindung zum Burgenland wurde stärker, jene zum aktiven Fußball ist ein bisschen abgerissen. Meinem Fußballinteresse hat das aber keinen Abbruch getan.

    ballesterer fm: Und was war der ursprüngliche Lieblingsverein?

    Weisgram: Außer dem FC Pottenstein immer die Austria. Und sie ist es in Wahrheit im innersten Herzen bis heute. Nur: Ich fang’ mit der Austria nichts mehr an. Ich hab mir erlaubt, das in einer »Standard«-Geschichte zu verbalisieren. Seither hab ich, glaub’ ich Stadionverbot am Horrplatz. Die Reaktionen der Austria-Fans waren irrsinnig heftig. Ich hab auf keinen Artikel, den ich je geschrieben habe, so viele Leserbriefe gekriegt. 99 Prozent waren nicht nur ablehnend, sondern wirklich sehr emotional. Meine Geschichte war auch sehr emotional, aber man kann halt mit einem Verein, an dem das Herz hängt, nicht anders umgehen. Dass sie jetzt die Meisterschaft nach zehn Jahren gewonnen haben – na, mein Gott. Die Frage, die man sich stellen muss, ist, was ist das für eine Mannschaft? Wie sagte einst Präsident Beckenbauer zu seinen Bayern: Das ist eine Scheißmannschaft.

    ballesterer fm: Was war Ihr erstes Spiel im Burgenland?

    Weisgram: Ich bin ursprünglich immer nach Rohrbach gegangen. Dann ist Mattersburg aufgestiegen und ich bin zu ihnen gewechselt, und hab den Weg nach oben mitverfolgt. Ich wohn’ in Marz, einem Dorf direkt zwischen Mattersburg und Rohrbach.

    "Jeder burgenländische Bub hat drei Lieben gehabt, bevor er ins Reich der Mädchen gekommen ist. Da gab‘s den Ortsverein, dann kam der SC Eisenstadt als Hauptstadtklub, und dann war’s entweder die Austria oder Rapid."

    ballesterer fm: In ihrem Buch "Wunderteam Österreich" gibt es die Passage, in der sie über eine Jugend im Loipersbach der 60er Jahre und die Rivalität zwischen Rapid und Austria berichten.

    Weisgram: Das ist eine authentische Erzählung, nicht untypisch ist für das gesamte Burgenland. Jeder burgenländische Bub hat drei Lieben gehabt, bevor er ins Reich der Mädchen gekommen ist. Da gab's den Ortsverein, egal wie der geheißen hat. Dann kam der SC Eisenstadt als Hauptstadtklub, und dann war’s entweder die Austria oder Rapid. Die Austria- und Rapid-Anhänger haben richtige Banden gebildet und Indianer gespielt. Also Leute an den Marterpfahl gebunden und so. Aber am Wochenende sind sie dann nach Eisenstadt gefahren und haben sich gemeinsam den SC angeschaut.

    ballesterer fm: In Westösterreich käme der eigene Verein, dann lange nichts, und dann ganz sicher nicht Wien. Was macht den Unterschied aus?

    Weisgram: Das liegt daran, dass das Burgenland von Anfang an eine ganz enge Beziehung zu Wien gehabt hat. Zum Teil ist das der Arbeitsplatz – bis runter ins Südburgenland nach Oberwart. Die Leute pendeln nicht nach Graz, obwohl es näher wäre, sondern nach Wien. Das heißt, die Wiener Kultur, und damit auch die Fußballkultur, wurde sehr stark ins Burgenland transferiert. Vom Pendeln waren vor allem Männer betroffen. Die sind nach der Arbeit ins Wirtshaus und haben über Fußball geredet. Und natürlich über Rapid und Austria, und nicht über den SC Loipersbach.

    ballesterer fm: Die überwiedende Mehrheit der Burgenländer ist Grün-Weiß. Repräsentiert das einfach den Wiener Schnitt?

    Weisgram: Ja, aber es gibt überraschend viele Austria-Anhänger, die sich zum Teil todesmutig bekennen.

    ballesterer fm: In Ihrem Rapid-Buch gibt es einige Hinweise auf die spezielle personelle Beziehung des SK Rapid zum Burgenland.

    Weisgram: Das Burgenland hat statistisch gesehen die meisten aktiven Fußballer. Deshalb hat’s auch über die Jahrzehnte hinweg immer wieder gute burgenländische Kicker in Restösterreich gegeben. Weil wo will ein Kicker spielen, der halbwegs was kann? Der muss nach Wien oder zu einem anderen halbwegs großen Verein. Nur dort kann er Geld verdienen.

    ballesterer fm: Wie kam es zu diesem Exportschlager?

    Weisgram: Früher hat es unter der Jugend im Burgenland eine noch verbreitetere Fußballkultur gegeben. Das hängt ein bisschen mit der wirtschaftlichen Rückständigkeit zusammen, die Infrastruktur war schlecht. Es war irrsinnig schwer, von einem Dorf zum anderen zu kommen. Aber du hast im Dorf einen Fußballplatz gehabt, oder zumindest viel Platz, davon gibt’s im Burgenland genug. Dann brauchst du nur mehr vier Leiberln, mit denen du die Tore machst. Das verleitet natürlich dazu, einen Mythos aufzubauen. Wenn man den Kühbauer fragt, warum es im Burgenland so viele gute Kicker gibt, sagt er, schau da rüber, da unterm Viadukt in Mattersburg ist eine riesige Wiese – da waren wir den ganzen Tag. So wie die Wiener Kicker sagen, wir waren den ganzen Tag im Käfig. Dort lernst du halt, jemanden auf einem Bierdeckel zu überdribbeln. Wenn du mehr Platz hast, dann wirst halt eine raumgreifende Sau.

    ballesterer fm: Der burgenländische Fußball hat in der Bundesliga lange Zeit ein Mauerblümchendasein gefristet. Was waren die Sternstunden vor Mattersburg?

    Weisgram: Eisenstadt hat in der Staatsliga und in der Bundesliga gespielt. Das war immer das Ausgedinge der Rapid-Spieler. Zum Beispiel hat der Bjerregard dort gespielt. Neusiedl war auch ganz oben. Oberwart immerhin in der zweiten Liga, hat sich eine Zeitlang dort gehalten. Wie Klingenbach, was zeigt, dass das Burgenland nicht einheitlich beschreibbar ist. Die haben keine Zuschauer gehabt und ihre Abendspiele in Rohrbach ausgetragen, weil die Flutlicht hatten. Nach Rohrbach sind immer so viele Leute zu den Landesligaspielen gekommen, dass die sich das leisten konnten.

    "Das Bier wird in Mattersburg zweimal im Monat im Tankwagen geliefert. Es geht weg, und vor allem nicht aus. Beim letzten Heimspiel war um halb acht in der Früh noch immer etwas da. Und das ist Geld, ohne dass sich die Leute ausgesackelt fühlen."

    ballesterer fm: Rohrbach soll ja überhaupt eine ganz eigene Stellung im burgenländischen Fußball einnehmen.

    Weisgram: Es gibt einige Dörfer im Burgenland, die ganz speziell sind. Neuberg im Südburgenland gehört dazu. Da kommt unser Thomas Wagner von Mattersburg her. Der ist ungefähr so, wie der Gasselich bei der Austria war – der Wertlose. Ein wunderbarer, exzellenter Kicker, der nichts reinbringt. Mittlerweile bin ich der Meinung, der tut das aus dem Bewusstsein heraus, dass jedes Tor auch ein Ballverlust ist. Das zweite besondere Dorf ist Rohrbach. Die nennen sich selbst "größtes Fußballdorf Österreichs". Dort war auch der Beginn dieser ganzen Mattersburg-Euphorie. Es ist schon einige Zeit her, da hatten sie das Landesliga-Derby in Rohrbach. Vor 6.500 Leuten - normal passen 2.000 rein. Die Partie ist wegen Nebel abgebrochen worden, und zwei Tage später sind wieder so viele Leute gekommen und haben wieder gezahlt. Die Einnahmen sind der Behindertenschule Mattersburg gespendet worden. Aber die Leute haben gezahlt, die wollten das sehen.

    ballesterer fm: Und diese 6.500 fahren nun jede zweite Woche nach Mattersburg?

    Weisgram: Die Lust an einem Fußball-Event teilzunehmen, hat sich jetzt völlig auf Mattersburg konzentriert. Die "Rohrbecker" verstehen das bis heute nicht und weigern sich, ihre Freitag-Spiele zu verschieben. Aber Mattersburg ist halt die Bezirkshauptstadt und trotz seiner nur 6.000 Einwohner ein gewisses Zentrum. Das ist in der Zwischenzeit ein Selbstläufer. Die Medien sind voll und alle Leute schreien, da geht die Post ab. Da denkt sich bald einer, da muss ich auch hin. Wahrscheinlich geht das noch drei Jahre so. Es kommt darauf an, wie sie spielen. Und für nächste Saison bin ich sehr zuversichtlich, dass die Zuschauerzahlen noch einmal steigen. Dann wird es aber schwierig.

    ballesterer fm: War es eine bewusste Entscheidung, den Fußball in Mattersburg mit Event-Charakter zu planen, vergleichbar mit Austria Lustenau?

    Weisgram: Auf jeden Fall, der Verein macht das sehr professionell. Ich erinnere mich noch gut, als wir gegen die Vienna um den Klassenerhalt gespielt haben. Da sind etwa 3.500 Mattersburger auf die Hohe Warte gefahren. Schon vor Spielbeginn ist das kalte Bier ausgegangen. Sie haben auf der Gegengerade auf der Wiese ein Tischerl aufgestellt, und da hat halt irgendwer, der völlig überfordert war, Bier eingeschenkt. Ich versteh' nicht, wieso die Leute das machen – das wäre ja ein Geschäft gewesen für sie. Und das funktioniert hier in Mattersburg. Du wartest selbst in der Pause höchstens fünf Minuten. Das macht den Unterschied, ob du zwei trinkst oder fünf. Das Bier wird hier zweimal im Monat im Tankwagen geliefert. Es geht weg, und vor allem nicht aus. Beim letzten Heimspiel der vergangenen Saison sind die letzten Leute angeblich um halb acht in der Früh gegangen, und es war noch immer Bier da. Und das ist Geld, ohne dass sich die Leute ausgesackelt fühlen. Wenn ich die Eintrittskarten erhöhe, fühlen sie sich abgezockt. Aber wenn ich ein Umfeld schaffe, wo die Leute eine Stunde länger bleiben, geb' ich dasselbe Geld gern aus.

    ballesterer fm: Stimmt die These, dass Burgenländer leichter für den Fußball zu mobilisieren sind?

    Weisgram: Ich warne davor zu sagen, im Burgenland wäre alles außergewöhnlich oder sonderbar. Die Leute sind auch nicht anders, es gibt nur andere Rahmenbedingungen. Martin Pucher hat zum Beispiel schon angekündigt, in der übernächsten Saison auf die Fernsehgelder der Live-Spiele zu verzichten, wenn er an seinem Freitagtermin festhalten kann. Das liegt daran, dass am Freitag sehr viele südburgenländische Pendler in Mattersburg Station machen, viele kommen mit dem Firmenbus. Einer trinkt nichts, die anderen können sich niederschütten. Sie schauen sich das Match an und dann fahren sie heim. Die Frauen sind auch zufrieden, weil sie am Samstag Ruhe geben und nicht schon wieder saufen gehen. Hinzu kommt, dass die ganze Region ausgehungert ist - nicht nur das Burgenland. Das ganze südliche Niederösterreich hat über Jahrzehnte hinweg keinen Fußball gehabt. Wiener Neustadt bringt keine Fußballmannschaft zusammen. Du brauchst dir nur die Autokennzeichen am Parkplatz anschauen: Neunkirchen, Wiener Neustadt - das Einzugsgebiet ist groß und verkehrstechnisch sehr gut angebunden.

    "Ich warne davor zu sagen, im Burgenland wäre alles außergewöhnlich oder sonderbar. Die Leute sind auch nicht anders, es gibt nur andere Rahmenbedingungen."

    ballesterer fm: Es gibt die These von der Austrifizierung des Fußballs nach 1945, also die Ausweitung des urbanen Phänomens auf die Bundesländer. Ist der nächste Schritt die Provinzialisierung mit Mattersburg als Beleg? Liegt die Zukunft in der Peripherie?

    Weisgram: Ich glaube, die Frage muss man umgekehrt stellen: Nämlich, gibt es wirklich noch einen ländlichen Raum? Ich glaube nicht. Die These von der Austrifizierung, die stimmt in der historischen Beschreibung. Aber was war der Auslöser? Nach dem Krieg sind die Gemeinden reicher geworden. Nach dem Wiederaufbau haben sie angefangen, sich auch um andere Dinge zu kümmern. Bald hat jede Gemeinde ihren Fußballplatz und ihren eigenen Verein gehabt. Im Burgenland gibt es die Behauptung, dass jedes Dorf in sich den Keim einer Stadt trägt, obwohl‘s nur wenige geworden sind. Weil sie immer eine sehr ausdifferenzierte Berufsstruktur gehabt haben. Also kann man gar nicht sagen, dass das jetzt etwas sehr Ländliches ist.

    (Interview: GEORG SPITALER, REINHARD KRENNHUBER, FLORIN MITTERMAYR. Fotos: DIETER BRASCH.)


    Das vereinsunabhängiges Fußballmagazin ballesterer fm erscheint vierteljährlich in Wien mit dem Ziel den Fußballhorizont offensiv zu erweitern. Ein Heft kostet 2,50 Euro, Abos (vier Ausgaben) können zum Preis von 13 Euro unter info@ballesterer.at oder www.ballesterer.at bestellt werden.

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