"Die Stadthalle ist mein Wohnzimmer"

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Herbert Prohaska im Interview über Besonderheiten des Hallenkicks, die Parkett-Dominanz der Austria und den Sinn und Unsinn des Spiels mit der Bande

ballesterer fm: Herbert Prohaska und die Stadthalle, das ist der Inbegriff einer harmonischen Beziehung. Warum?

Prohaska: Ich war schon als Bub bei Ostbahn XI ein begeisterter Hallenfußballer. Die Halle hat mich immer fasziniert, weil ich gesehen habe, da kann ich meine Vorstellungen vom Fußball noch viel besser umsetzen. Ich hab zwölf- oder dreizehn Mal in der Stadthalle gespielt und bin ab dem dritten Turnier jedes Mal zum besten Spieler gewählt worden, zehn Mal insgesamt. Der Becker hat einmal gesagt, der Centre-Court in Wimbledon ist sein Wohnzimmer – meins ist die Stadthalle. Obwohl das draußen mein tägliches Brot war, in der Halle hab’ ich lieber gespielt.

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ballesterer fm: Was sind die besonderen Vorstellungen vom Fußball, die man in der Halle besser umsetzen kann?

Prohaska: Es fängt damit an, dass es in der Halle im Prinzip keine Taktik gibt. Das Wichtigste ist, dass alle gut in der Technik und im Kombinationsfußball sind. Und dann musst du versuchen, dass alle gleichzeitig vorne und hinten sind. Du kannst nichts einstudieren, das ist lächerlich in der Halle. Die Trainer, die Spielerbesprechungen und Taktik gemacht haben, die haben in der Stadthalle sicher nie gewonnen.

ballesterer fm: Zur großen Austria-Zeit in den Achtziger Jahren: War da einer sauer, wenn er in der zweiten Garnitur kicken musste?

Prohaska: Nicht einer – alle! Für uns in der Einser-Garnitur war‘s natürlich schön. Aber das Publikum war oft sehr ungerecht. Wenn wir rausgegangen sind und die Zweierpartie ist reingehüpft, haben die Leute schon nach einer Minute "Austausch" geschrieen und "die sollen sich wieder hinaushauen." Das Bemerkenswerte war, dass der erste Block eigentlich ohne Stürmer gespielt hat. Da war keiner drinnen, der am Feld der große Torjäger war. Gespielt haben: der Obermayer mit dem Daxbacher, der Baumeister, der Sara Robert und ich. Drei, vier Jahre haben wir fast alle zweistellig geschlagen.

ballesterer fm: Oft ist neben dem Tor direkt an der Bande ein Spieler gestanden, auf den man dann noch mal zurückgespielt hat. War das nicht totaler Luxus?

Prohaska: Es gibt die Annahme, dass es wichtig ist, mit der Bande zu spielen. Das ist völlig falsch, weil die Bande nicht das Gefühl im Fuß hat wie ein Fußballer. Ich denk mir heute oft, da will ein jeder mit der Bande ein Tor auflegen. Das geht auch – aber nicht wenn du das zwangsläufig willst. Die Bande dient nur dazu, dass der Ball im Spiel bleibt. Sie kann manchmal der sechste Mann sein, aber in der Regel muss man mit den Füßen kombinieren.

ballesterer fm: Die Bezeichnung "Bandenzauber" ist also gar nicht so treffend?

Prohaska: Doch. Weil eigentlich gemeint ist, dass man versucht, umgeben von einer Bande, zu zaubern.

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ballesterer fm: Was ist das Besondere am Wiener Hallenfußball?

Prohaska: In Europa ist die Stadthalle mit Abstand das beste Hallenturnier – von der Halle, den Banden und den Regeln her. Es wird nirgendwo besser gespielt und es wird nirgendwo besser gemacht. Der Parkettboden ist der perfekte Boden. In Deutschland spielen sie in kleineren Hallen und auf Greenset-Teppichen, das ist gefährlicher, weil da bleibst du hängen. Außerdem spielen sie auch nur zu viert, da spielen die Goalleute mit. Ich schau mir’s zwar an, aber es ist eigentlich meistens zum Einschlafen.

ballesterer fm: Welche Gefahren sehen Sie auf den österreichischen Hallenfußball zukommen?

Prohaska: Wir müssen aufpassen, die Halle nicht zu demontieren: Das Wichtigste ist die Tradition, die bedeutet mir sehr viel. Dieses Hallenturnier ist ein Fixpunkt, egal wie viele Leute im Jahr auf den Fußballplätzen waren. Die Stadthalle war immer voll und es gab eine Traumstimmung. Deshalb hat es mir nicht gefallen, wie zum Beispiel Sturm Graz in der Vergangenheit beim Masters mit lauter Buam gespielt hat. Das ist zwar gut für die Buam, aber... .

ballesterer fm: Warum war Rapid in der Halle meistens schlecht?

Prohaska: Du musst halt die Liebe zum Hallenspiel haben. Ich glaube, Rapid hat nur ganz selten Hallenspezialisten gehabt. Und Spezialisten, die kristallisieren sich heraus, das fängt mit deiner Einstellung an. Heute gibt’s Spieler, die sagen: "Trainer, ich möchte nicht spielen, weil ich hab Angst, ich tu mir vielleicht weh." Oder der Trainer kommt und sagt: „Es war ein schwerer Herbst. Du, du und du, ihr spielt nicht in der Halle, ihr müsst ein bisschen regenerieren und so." Bei Austria, wenn der Trainer das zu irgendeinem gesagt hätte, also da wär‘ ein Aufstand gewesen. Ich hätte wahrscheinlich meine Karriere beendet. Ich bin in der Stadthalle bei einem Match eingelaufen, da hab ich 39° Fieber gehabt. Der Masseur hat mich vorher gemessen und gesagt: "Du kannst ned spü´n, i muaß des dem Trainer sag´n." Hab ich gesagt: "Wenn’st das dem Trainer sagst, bist weg als Masseur."

ballesterer fm: Wer gewinnt heuer die Halle?

Prohaska: Immer Austria!


Das vereinsunabhängiges Fußballmagazin ballesterer fm erscheint vierteljährlich in Wien mit dem Ziel den Fußballhorizont offensiv zu erweitern. Ein Heft kostet 2,50 Euro, Abos (vier Ausgaben) können zum Preis von 13 Euro unter ballesterer@gmx.at oder www.ballesterer.at bestellt werden.

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Das Interview führten Georg Spitaler, David Forster und Klaus Federmair. In ungekürzter Version ist es in der siebenten Ausgabe des ballesterer fm mit dem Schwerpunktthema Hallenfußball abgedruckt.

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