Theaterkrise im Londoner Westend

26. Dezember 2003, 19:19
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Traditionshäuser von Schließung bedroht - 350 Millionen Euro für Renovierungen gebraucht

London - Die historischen Theater im Londoner Westend müssten eigentlich dringend renoviert werden: Umgerechnet 350 Millionen Euro wären in den kommenden 15 Jahren notwendig, um die Gebäude vor dem Verfall zu bewahren. In der schon seit Jahren andauernden Krise der Westend-Theater taucht jetzt sogar die Überlegung auf, zwei oder drei der historischen Bühnen schließen zu müssen, wie jüngst der Londoner "Evening Standard" berichtete. Vor dem Ende stünden dann nach den Angaben die renommierten Bühnen Lyric und Apollo auf der Shaftesbury Avenue.

Obwohl die Westend-Theater einigen der reichsten Männer Englands gehören, können sie selbst nicht mehr für die Renovierung der Häuser aufkommen. Zu diesem Befund kam der Theatres Trust, der 1976 von der Regierung zum Schutz der Theater gegründet wurde, und der auch die für die notwendige Aufpolierung benötigte Summe veranschlagte. Die Besitzer würden bereits alles tun, was ihnen zur Instandhaltung der Häuser möglich ist, sagte Peter Longman vom Theatres Trust in der Zeitung "The Independent".

Teurer Theaterbetrieb

Im Londoner Westend gibt es 40 kommerzielle Theater, 33 davon sind denkmalgeschützt. Die meisten von ihnen sind mehr als 100 Jahre alt. Niemand verdiene Geld mit den Theatern, erklärte Richard Pulford von der Londoner Theatergesellschaft dem "Independent". Westend-Theaterbesitzer wie Cameron Macintosh und Andrew Lloyd-Webber machten ihr Geld mit dem Schreiben und Produzieren von Stücken, nicht aber mit dem Theaterbetrieb. Die Produktionskosten für Stücke haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Sieben von zehn Westend-Produktionen spielen ihre Kosten nicht ein, zwei arbeiten Kosten deckend und nur eine von zehn macht tatsächlich Gewinn.

Die Westend-Bühnen befinden sich in den Händen von vier Theater-Gesellschaften: Die Ambassador Group besitzt zehn Häuser, Clear Channel Entertainment gehören drei der größten Musical-Bühnen. An den Really Useful Theatres, die 13 Bühnen betreiben, ist Andrew Lloyd- Webber beteiligt. Delfont Macintosh heißt Cameron Macintoshs Firma, die drei Theater besitzt und demnächst vier weitere kaufen oder mieten will. Macintosh gab im Juni bekannt, dass er 30 Millionen Pfund (42 Millionen Euro) für die Renovierung und Erweiterung seiner eigenen Theaterkette ausgeben will.

Geldgeber gesucht

Doch diese Summe erscheint im Verhältnis zu den insgesamt für alle Theater benötigten Mitteln wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Der "Guardian" hatte bereits im Sommer berichtet, dass sich maßgebliche Stiftungen wie der Heritage Lottery Fund, Arts Council und English Heritage finanziell nicht für die Renovierung kommerzieller Theater zuständig fühlen. Dem "Evening Standard" zufolge regte der Theatres Trust Steuererleichterungen oder staatliche Zuschüsse an.

Die größten finanziellen Probleme haben insbesondere die kleineren Theater mit weniger als 1000 Sitzplätzen, die klassische Stücke spielen. Zu dieser Kategorie gehören auch die von der Schließung bedrohten Bühnen "Lyric" und "Apollo". Sprecher der Really Useful Theatres, denen die beiden Theater gehören, sagten, dass die beiden Häuser voraussichtlich selbst bei möglichen Zuschüssen durch die Regierung schließen müssten. Eine Renovierung sei zu teuer. Die Gewinner im Westend sind die großen Musical-Paläste mit jeweils um die 2000 Plätze. Ein erfolgreiches Musical kann um die 3 Millionen Pfund im Jahr einspielen.

Flair der Jahrhundertwende

Die meisten der alten Innenstadt-Theater haben ein Flair wie vor 100 Jahren: Die Teppiche sind abgeschabt, ebenso wie die zu eng beieinander stehenden schmalen Sitzreihen. In dem vom Theatres Trust veröffentlichten Bericht über den Zustand der Westend-Bühnen heißt es: "Man kann vom Theaterpublikum heute nicht erwarten, dass es die Bedingungen von vor 100 Jahren toleriert."(APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das "Lyric Theatre"

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