Sind wir noch in Österreich? Ja!

13. Jänner 2004, 15:27
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Man soll sich von der Frechheit heimischer Filmschaffender nicht irritieren lassen: Es gibt sie noch, die Morak-Fetischisten!

... Auch wenn sie öffentlich kaum auffallen - drei bis zwei werden es schon sein. Einer ist es auf jeden Fall. Er bekennt sich offen zu seinem Laster, entweder mit dem Kürzel E. B. oder mit seinem vollen Namen, und tut dies mit einer politischen Leidenschaft in der "Wiener Zeitung", die man in einem Regierungsorgan - unter einer anderen Regierung - gar nicht vermuten würde.

Nur zu berechtigt seine Frage in der letzten Wochenend-Nummer: Sind wir wirklich noch in Österreich? Anlass dieser patriotischen Ungewissheit war ihm die Neubesetzung der Direktion des Volkstheaters, die ihm persönlich sehr nahe gegangen sein muss. Vor allen, die das bewirkten, ziehe ich meinen Hut, was besonders die Vertreter der hauptsächlichen Subventionsgeber: Bund in Gestalt von Kunststaatssekretär Franz Morak und Land vertreten durch Andreas Mailath-Pokorny gewiss über die Maßen gefreut hat.

Die durch geräuschlose Hutabnahme gewonnene Gunst des Bundes in Gestalt von Kunststaatssekretär Franz Morak galt es zu vertiefen, aber auch eines Opfers zu gedenken. Angesichts dieser klugen und von den Theatermachern begrüßten Entscheidung sollte sich auch Andrea Eckert aus ihrem Schmollwinkel wieder hervorbewegen. Eine edle Seele, versetzt sich E. B. leicht in fremde Schmollwinkel. Ich äußere da jetzt eine Vermutung: Irgendwie hat die Eckert gespürt, dass ihr die Direktion über den Kopf wachsen wird. Und sie war zu stolz, das einzugestehen. Also her mit einem Sündenbock - schon war der Morak schuld: Wird Andrea Eckert Volkstheater-Chefin, gibt 's vom Bund keine Subventionen mehr.

Wenn jemand Morak so etwas zutraut - Mailath-Pokorny hat im "Falter" die Realität der Subventionslage bestätigt -, wird E. .B. stur. Selbst, wenn es stimmt (und ich gestehe, davon alles andere als überzeugt zu sein): Angesichts des Ergebnisses wäre sogar das zu rechtfertigen. Denn der Bund in Gestalt von Kunststaatssekretär Franz Morak kann gar nicht irren.

Leider existieren Menschen - sind wir wirklich noch in Österreich? -, die daran zweifeln. Doch zum Glück gibt es E. B., den unermüdlichen Kämpfer für Moraks Ehre. Wenn 's gegen den Morak geht, kommt es zu aufschlussreichen Koalitionen, enthüllte er ein paar Tage später. In Graz etwa haben Sozialisten, Kommunisten und Grüne einander gefunden. Thema: Die "Diagonale". Ursprünglich wollte die Stadt Graz sowohl das von Kulturstaatssekretär Morak neu geordnete Festival unterstützen als auch das Gegenfestival jener, die von Moraks Neuordnung absolut nichts hielten.

Das waren ohnehin nur die Filmschaffenden Österreichs. Dank der rot-grün-rotroten Allianz bekommt nun die Anti-Morak-Diagonale die gesamte Grazer Diagonale-Förderung, die drei Brüder-Parteien können ihrer Schadenfreude bei einem Krügel steirischem Bier freien Lauf lassen. Na dann Prost! Was an dem Morak-Entwurf das Verwerfliche ist, kann nämlich nach wie vor niemand präzisieren, klagte E. B. etwas unpräzise und prophezeite: Schaden tut 's dem österreichischen Film. Nützen tut 's dem politischen Beobachter, der daraus die Lehre zieht: Sogar die KP wird salonfähig, wenn man glaubt, damit der Regierung zu schaden.

Natürlich ist es traurig mitanzusehen, dass hier zu Lande - sind wir wirklich noch in Österreich? - sogar schon die KP an Moraks Wesen kratzen darf. Von den Filmschaffenden war ja nichts Besseres zu erwarten - aber die Kummerln! Die bolschewistische Gefahr ließ E. B. auch am nächsten Tag nicht ruhen. Die Freude bei den Veranstaltern der so genannten "originalen Diagonale" ist groß. Immerhin hat man, zumindest lebt man in diesem Glauben, Kulturstaatssekretär Franz Morak besiegt. Und mit ihm gleich die ganze Regierung! Bei SP, KP und Grünen wird der steirische Weihnachtsbock in Strömen fließen. Einen Tag zuvor war es erst ein Krügel - E. B.s Schleichwerbung für Gerstensaft ist fast schon so penetrant wie die für den Bund in Gestalt von Kunststaatssekretär Franz Morak.

Aber kommunistischer Ruchlosigkeit wird die Strafe auf dem Fuße folgen, und sie wird alle treffen, die nicht geräuschlos auf Moraks Spuren wandeln. Der Katzenjammer wird auf dem Fuß folgen. Den Schaden nämlich hat der österreichische Film, der sich hiermit mutwillig von Möglichkeiten staatlicher Förderung abgekoppelt hat. Ein Triumph kulturpolitischer Unvernunft!

Und journalistischer auch. Denn hiermit bestätigt E. B. für die Filmschaffenden exakt das, wovon er ein paar Tage zuvor beim Volkstheater alles andere als überzeugt war: dass Kulturmenschen, die wider Moraks Stachel löcken, nicht mit Förderung rechnen dürfen.

Für E. B. ändert das nichts an Moraks seelischer Größe. Der Klügere hat jedenfalls nachgegeben - und geht an die Erstellung eines neuen Konzeptes. Wobei ich schon jetzt jede Wette eingehe, dass auch dieses ohne plausibles Gegenargument auf Widerstand stoßen wird. Ob die Gründe für diesen Kulturpessimismus eher bei der KP als bei Morak liegen, wird noch zu klären sein. Schon jetzt hingegen steht fest: Der österreichische Fetischismus hat auch schon bessere Zeiten gesehen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2003)

Von Günter Traxler
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