Krokodile und Ratten zur Weihnachtszeit

18. Dezember 2003, 18:50
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Teil 6 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

April ist der grausamste Monat, er treibt/ Flieder aus toter Erde, er mischt/ Erinnern und Begehren. Winter hielt uns warm, bedeckte/Land in Schnee des Vergessens"
(T. S. Eliot in Das wüste Land 1922)

Der kommende Winter hält uns schon vor der Zeit zu warm. Und ob, wie in einem dummen Weihnachtslied, "ein Jäger und ein Häschen, ein Jäger und ein Lämmchen neben dem Tannenstämmchen" stehen - frieren werden sie nicht, so wenig wie Ochs und Esel an der Krippe in der Wüstennacht.

Der Frost wird in Wetternachrichten täglich erwartet, bleibt aber einfach weg, lässt sich nicht einmal bitten, Weihnachtsgeschichten verflüchtigen sich schon im Entstehen. Den Tieren an der Krippe kann es recht sein.

Die kleine Tochter einer Freundin wünschte sich einmal ein Krokodil, bekam es auch und behielt es, bis nicht nur das zu rasch gewachsene und nervöse Krokodil die Wohnung räumen musste. "Fürchtet euch genug", müsste es bei solchen Versuchen - Krokodil ebenso wie Christi Geburt - heißen. "Fürchtet euch nicht", hieß es in Betlehem.

Unlängst, nach "two thirty", wie im Dritten Mann, hatte ich das Fest fast vergessen, saß in einem Kaffeehaus an der Wollzeile und überlegte, wie sich Buster Keaton im Filmmuseum und Mein Leben ohne mich im Cine vereinbaren ließen. "Ubi sunt gaudia", heißt es im Lied In dulci jubilo. Aber diese Überlegung wurde abrupt und in einem Grad unterbrochen, der mir weitere cineastische Unschlüssigkeiten ersparte:

Eine lange, dünne Ratte rannte fast unbemerkt aus dem halbwegs leeren in den belebteren Teil des Cafés, zwischen Tisch und Menschenbeinen hindurch, an den aufgestapelten Baisers, Buchteln und Sahnehimbeertorten vorbei. Immer mehr Gäste drängten ahnungslos herein und ihr nach. So machten die cineastischen Fragen rasch wieder denen nach den Tieren an der Krippe Platz.

Es war meine zweite Ratte. Die erste war fast ein Menschenalter früher, vor der Linzer Herz-Jesu-Kirche aufgetaucht, als der Kindergarten eben schloss. Apathisch versuchte sie, auf einem Kanaldeckel etwas Schlaf zu finden. Emma Schrack, das Kindermädchen, zerrte uns an ihr vorbei. Erst viel später, als ich mich in Brehms Tierleben vertiefte, gaben sich der Schrecken und die Übelkeit. Heute, in der Konditorei Demel am Kohlmarkt, schwächt sie sich nach dem dritten Espresso ab. Umso beunruhigender wird die Frage nach den Kröten, Flöhen, Schweinen und Plattfischen, die keinen Platz an der Krippe fanden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2003)

Die nächste Folge lesen Sie kommenden Freitag.
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