Hirsch, Horn, Salz

29. Dezember 2003, 17:05
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Wer den Spott hat, hat für den Schaden schon gesorgt: Wer die Lebkuchenhärte beklagt, kriegt Tipps - und muss weiterbacken

Die Mails klingelten nur so herein, eines nach dem anderen, und alle mit derartigen alchemistischen Raffinements gewürzt, dass einem in vorweihnachtlicher Freude warm um das Laienzuckerbäckerherz werden konnte. Wann, wenn nicht jetzt, in den Tagen vor des Herren Geburt, bricht wieder Hoffnung an, selbst für Nicht-Gebenedeite, also beispielsweise für Leute, die öffentlich zugeben, dass ihnen Bahlsen & Co besser munden als das Lebkuchenprodukt aus dem eigenen Backrohr. Vielleicht, oder vor allem weil das Zeug aus dem Supermarktregal - trotz Kenntnis des Backmischungszutatenallerleis - kaubar und damit schmeckbar ist.

Dem lieblichen virtuellen Computergeklingel war eine Stänkerei vorangegangen, ein quasi blasphemisches Anprangern der ansonsten ganz wackeren interfamiliären Backkünste, und zwar in der besten aller Ö1-Sendungen, dem Diagonal am Samstagabend. Der Geschmack sei zwar in Ordnung, so durfte ich behaupten, die Konsistenz allerdings ein Jammer, um nicht zu sagen, graniten, weshalb wir uns seit Generationen dem häuslichen Lebkuchen eher leckend und die Nüsse abknabbernd nähern. Dann, wie gesagt, setzte ein feines, stetes Computerklingeln ein. Die Botschaft hörte ich wohl, und es fehlte mir alsbald auch nicht mehr der Glaube daran, dass ich das Lebkuchenbacken alsbald wieder aufnehmen werde, denn die Könner der Zunft nahmen sich meiner an. Die Beschaffenheit der Dose, so riet man mir beispielsweise, sei elementar - und der richtige Moment der Befüllung derselben, hieß es von anderer Stelle, ebenfalls ausschlaggebend. Ich möge mich auf die Suche nach Hirschhornsalz machen, fünf Gramm auf ein halbes Kilo Mehl, schrieb ein weiterer Lebkuchenintimus, wobei knapp zwei zusätzliche Gramm Pottasche, so der nächste, auch keinen Schaden tun würden. Hirschhörner und Pottaschen hin oder her, mischte sich noch jemand ein: Ein paar Orangenschalen oder Apfelspalten in der Dose würden Wunder wirken, butterweich sei gar kein Ausdruck, die industrielle Konkurrenz augenblicklich Vergangenheit. Was soll man sagen: Der Honig ist schon eingelagert. Nach dem Hirschhornsalz suche ich noch. (DerStandard/rondo/uwo/19/12/03)

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