Unerbittlich Nihilistisches

26. Dezember 2003, 19:39
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... und ein harter Brocken nah am Kitsch: Neue Alben von The Fall, William Elliott Whitmore und Her Space Holiday

THE FALL
Country On The Click
(Action Records/ Rave Up: (1) 596 96 50)
The Fall, die beste, unerbittlichste und den nihilistischen Geist der späten 70er-Jahre am konsequentesten vertretende Band aus Manchester, hat inklusive diverser Best-of-Formate (siehe vergangene Woche an dieser Stelle die aktuelle Kompilation War Against Intelligence) in den vergangenen 25 Jahren gut 90 Alben veröffentlicht. Sture, schlecht gelaunte bis aufgeräumt sarkastische, repetitive Simpel-Riff-Monster zwischen Punk im Herzen und Herz aus Stein, zwischen Garagenrock und dem guten alten Krautrock von Can. Dazu speit der alte Menschenfeind Mark E. Smith mit seiner angewiderten Sprechgesangsstimme, für die man ihm noch immer gleich eine reinhauen möchte, unerbittlich Gift und Galle und Hohn und Spott. Nach The Unutterable und Are You Are Missing Winner hat sich Smith jetzt nicht nur hörbar endlich dritte Zähne für seine beim Kampftrinken verloren gegangenen zweiten geleistet - was die gewohnt bösen Texte auf Country On The Click wieder leichter verständlich macht: "So you've got the feeling that you are an intelligent species?!" Smith befindet sich auch wieder auf der Höhe seiner Kunst. So viel persönlichen Einsatz hat man beim nach wie vor im bulgarischen Bankfilialleiter-Outfit inklusive Humana-Bundhose und College-Patscherln mit Troddeln agierenden Meister in den vergangenen Jahren selten erlebt. Kein Wunder, wenn es etwa im Song Mountain Energei um Probleme mit der Kreditkarte geht. Ein Album des Jahres.

WILLIAM ELLIOTT WHITMORE
Hymns For The Hopeless
(Southern Records/ Trost (1) 330 01 63)
Wenn man Mark E. Smith eine mit der Bibel auf das Dach und dazu noch etwas Banjo-Unterricht geben und ihn obendrein zu den Hillbillies nach Amiland verfrachten würde, es könnte durchaus ein christlich-nihilistisches Todescountry-Album wie dieses hier entstehen. Whitmore kennt die Welt sonst auch kaum von seiner Stammband Murder By Death. Die veröffentlichte heuer mit Who Will Survive, And What Will Be Left Of Them ein avantgardistisches Western-Konzeptalbum zum Thema: Was passiert, wenn in einer kleinen Stadt im Wilden Westen der Teufel erschossen wird? Solo mit Gastmusikern am Kontrabass oder am von Tom Waits ausgeliehenen Trümmer-Schlagzeug knödelt der Cowboy-Bariton schattseitige Lyrik wie "Manchmal lassen sich unsere Träume wie Schiffsanker in den Fluten treiben", "Kalt und tot" oder "Verbrenne meinen Körper". Leider kann man der Jugend ja nie klar machen, dass es auch gute Country-Musik gibt. Das hier ist im Genre die Entdeckung des Jahres: "Our paths will cross again!"

HER SPACE HOLIDAY
The Young Machines
(V2/ Edel)
So fertig muss man erst einmal sein, dass man freiwillig von Kalifornien nach Texas umzieht. Marc Bianchi entwirft dort digitale, fein gesponnene, lasche und definitiv unamerikanisch nach Brit-Pop im Stile von New Order, My Bloody Valentine oder Slowdive klingende Songs über gescheiterte Beziehungen. Ein harter Brocken nahe am Kitsch. Dank des tonlosen Murmelgesangs und der Drumcomputer-Beats zu getragenem Geigenelend drängt sich als einziger US-Vergleich die große depressive Kunst der Eels auf: "The luxury of loneliness". (DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2003)

Von
Christian Schachinger
  • William Elliott Whitmore Hymns For The Hopeless (Southern Records/ Trost (1) 330 01 63)
    foto: southern records

    William Elliott Whitmore
    Hymns For The Hopeless
    (Southern Records/ Trost (1) 330 01 63)

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