Klaviernebel und Beifallswellen

22. Dezember 2003, 21:59
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Lang Lang und sein Soloabend im Mozartsaal des Konzerthauses

Wien - Eine Zeile in einem alten Schlager lautet: "Wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen." Lang Lang, der 22-jährige, aus China stammende Pianist, hat offenbar auch bei Herren Glück, und nicht eben bei den unwichtigsten. Bei Wolfgang Sawallisch etwa, der ihn für ein Konzert seines Philadelphia Orchestra als Solist verpflichtete, oder bei Christoph Eschenbach, unter dessen Leitung er mit dem NDR-Orchester schon eine Europatournee absolvierte.

Was Wunder, wenn ihm da auch das Glück im bis aufs Podium mit Fans besetzten Mozartsaal des Konzerthauses lachte und ihm schon nach Robert Schumanns eingangs gespielten ABEGG-Variationen verblüffend hohe Wellen des Wohlwollens und der Begeisterung entgegenschlugen.

Dieser Wellengang wurde von Werk zu Werk stärker, darunter Joseph Haydns C-Dur-Sonate (Hob. XVI/50) und auch Franz Schuberts Wanderer-Fantasie, und erreichte nach den abschließenden Réminiscences de "Don Juan" de Mozart von Franz Liszt beinah Sturzflutstärke.

Die durch reichliche Pedalnebel verdeckten Unebenheiten des Anschlags werden es wohl nicht gewesen sein, die zu derlei Hochwässern des Beifalls geführt haben. Schon eher Langs - fast möchte man sagen: - Mut zur Unmittelbarkeit, zum hemmungslos genießerischen und (wie etwa während des Des-Dur-Nocturnes von Frédéric Chopin) von seinem Dauerverzückung signalisierenden Mienenspiel ablesbaren Klanghedonismus.

So macht das Zuhören natürlich Freude. Und in solch allgemeiner Trance könnten die eigentlichen Stärken dieses jungen Interpreten leicht übersehen werden: Sie liegen einerseits in seinem wachen Instinkt, mit der er die Gesamtarchitektur eines Werkes erfasst und darzustellen vermag, zum anderen aber auch in seiner Fähigkeit, thematische Zusammenhänge diskret und dennoch wirksam darzustellen. Jetzt heißt es nur noch fleißig Tonleitern üben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2003)

Von Peter Vujica
  • Lang Lang
    foto: telarc

    Lang Lang

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