Beinahe eine Realsatire: Wie Morak einen Filminstituts-Direktor ernennt und ihm zugleich seine Diagonale wegstirbt
Franz Morak ernennt einen neuen Direktor für das Österreichische Filminstitut, gibt eine sehr spontane Pressekonferenz und wird dabei von der Nachricht überrumpelt, dass die Leiter der von ihm verordneten neuen Diagonale gekündigt haben: beinahe eine Realsatire.
Wien - Gut Ding braucht gut Weile. In der heimischen Filmpolitik der letzten Monate bedeutete das: heftiges Rumoren hinter den Kulissen. Wenn wer was sagt, dann "bitte nicht zitieren!", weil: "Da ist was am Entstehen, das darf man jetzt nicht zusammenhauen, wir führen intensive Gespräche." Und dann hörte man zum Beispiel aus dem Büro der neuen Diagonale von deren Leitern Miroljub Vuckovic und Tillmann Fuchs gar nichts mehr. In Sachen Österreichisches Filminstitut hörte man immer wieder über heiße Kandidaten - "aber bitte nur off the record!" Und dann ging auf einmal alles ganz schnell.
Nach Redaktionschluss erreichte am Dienstag die meisten Journalisten jene Aussendung von Kunststaatssekretär Franz Morak, dass man am Mittwoch den neuen ÖFI-Direktor zu präsentieren gedenke. Dass die Nachricht so spät kam, glich man dadurch aus, dass man die Pressekonferenz ganz früh ansetzte.
Die seltsame Hast war mit der Gefahr, jemand könnte einen Namen ausplappern und desavouieren, nicht zu erklären. Denn erste Gerüchte, die sich denn auch als richtig erwiesen, besagten, dass Moraks Kandidat durchaus im Sinne der wesentlichen Vertreter der Filmbranche ist: Der studierte Jurist Roland Teichmann (33), seit Jahresbeginn Geschäftsführer des Fachverbands der Audiovisions- und Filmindustrie in der Wirtschaftskammer, hatte sich gerade auch im Umfeld der Diagonale-Krise als durchaus filmbegeisterter und vor allem lernfähiger Ansprechpartner für die Branche erwiesen.
"Es hätte wesentlich schlimmer kommen können. Ein akzeptables Signal, das Morak da setzt", hörte man. Warum also so eilig? Das klärte sich wenige Minuten nach Beginn der Pressekonferenz auf, als unversehens ein SMS auf einem Journalistenhandy hereinplatzte: "Vuckovic und Fuchs sind zurückgetreten." Eine APA-Aussendung, die die Journalisten vielleicht erst später, von der Pressekonferenz zurückgekehrt, in den Redaktionen vorfinden hätten sollen - was wiederum Morak mehrere hochnotpeinliche Fragen erspart hätte. Zum Beispiel: "Warum erst jetzt?" Oder: "Sehen Sie jetzt, dass Sie dem österreichischen Film geschadet haben?"
Schrecksekunde
Ab diesem Zeitpunkt war die ursprünglich geplante Dramaturgie - Teichmann freut sich, Morak ist überzeugt, "dass das eine gute Lösung ist", und der bisherige ÖFI-Direktor Gerhard Schedl freut sich auch - nicht mehr aufrechtzuerhalten. Interessanterweise hatte Morak die APA-Aussendung von Vuckovic und Fuchs bereits bei sich.
Er werde ihren Rat befolgen, das Festival 2004 aussetzen und stattdessen für 2005 wieder ein Festival konzipieren lassen, das wirklich den gesamten heimischen Film repräsentiere und hinter sich weiß. "Wir müssen alle an einem Strang ziehen!", rief der Kunststaatssekretär emphatisch, "mit ausgestreckten Händen aufeinander zugehen. Und das sage ich nicht nur, weil bald Weihnachten ist! Der Goodwill ist von beiden Seiten da! Gehen wir aufeinander zu!" Auf die Frage, ob er Fehler gemacht habe, konterte er eher ausweichend: "Jeder Mensch macht Fehler."
Das vergangene, für die Diagonale fatale Jahr - Morak sieht es als "notwendige, konstruktive Phase für die heimische Branche". Der neue ÖFI-Chef Teichmann, der sein Amt - für einige Zeit ("höchstens zwei Jahre") beratend unterstützt von Gerhard Schedl - Anfang Mai antreten wird, sah das vorsichtig und diplomatisch etwas anders: "Mein Eindruck war der einer Zersplitterung. Das Wichtigste ist, dass das Gesprächsklima wiederhergestellt ist. Jetzt ist der Zeitpunkt da, wo man zu Inhalten zurückkommen sollte."
Anarchisch?
Die vom Produzenten Alexander Dumreicher-Ivanceanu ins Leben gerufene "originale" (Gegen-)Diagonale will Morak keinesfalls unterstützen. "Das funktioniert ja ehrenamtlich und ein wenig anarchisch, und das soll so bleiben." Er denke nicht daran, die für die Diagonale '04 geplanten Subventionen (wobei noch nicht klar ist, wie viel davon Vuckovic und Fuchs bereits ausgegeben haben) auf die "originale" Diagonale umzuwidmen. Letzterer wurde nun nach 200.000 Euro seitens der Stadt Graz auch 75.000 Euro vom steirischen Tourismusverband zugesprochen.
Alexander Dumreicher-Ivanceanu will aber auch in Sachen Bundessubvention die Hoffnung nicht aufgegeben: Man werde noch diese Woche bei der Kunstsektion einen Antrag auf Förderung für 2004 stellen, schreibt er in einer ersten Stellungnahme - "und zwar in der Höhe jener Unterstützung, die die Diagonale bisher vom Bundeskanzleramt erhalten hat". Das Programm der "originalen" Diagonale werde das gesamte heimische Spektrum widerspiegeln: vom Spiel- über den Dokumentar- bis zum Kurz- und Avantgardefilm.
(DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2003)