Carlo D'Azeglio Ciampi - Staatsdiener und Signore im Quirinal

23. Dezember 2003, 18:46
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Italiens Staatspräsident Carlo D'Azeglio Ciampi will Berlusconi einbremsen

Sieht man vom Papst einmal ab, gibt es in der italienischen Politik nur einen, der als "moralische Instanz" gelten kann: Carlo D'Azeglio Ciampi. Im täglich neu zum Besten gegebenen Potpourri aus römischen Ränken, knietiefer Korruption und gesinnungsloser Geschwätzigkeit ist Ciampi immer ein Signore geblieben. Der 83-Jährige ist Feingeist, Finanzfachmann und ein stets korrekter "Staatsdiener ohne Doppeldeutigkeiten", wie ihn italienische Publizisten nennen. Eben deswegen grenzt es an ein Wunder, dass er je ins Amt des italienischen Staatspräsidenten gekommen ist.

Wäre alles normal verlaufen, müsste der 1920 im toskanischen Livorno geborene Ciampi längst in Pension sein. In den 40er-Jahren studierte er Literatur- und Wirtschaftswissenschaften in Pisa und Leipzig (Ciampi spricht fließend Deutsch und liest Goethe im Original). Im Krieg war er als Militär hoch dekoriert, schloss sich der Resistenza und dem antifaschistischen Partito d'Azione an. 1946 trat er in die Banca d'Italia ein, 33 Jahre später erreichte er als deren Gouverneur - vorerst - seinen beruflichen Zenit.

"Fährmann"

Dann allerdings fiel Ciampi die Aufgabe zu, Italien als "Fährmann vom einen zum anderen Ufer zu bringen" (so Oscar Luigi Scalfaro, sein Amtsvorgänger im Quirinal). 1993 brach die italienische Schmiergeldrepublik endgültig zusammen, für das Amt des Premiers stand kein Kandidat aus dem Parteienlager mehr zur Verfügung. Der unabhängige Konservative Ciampi übernahm die Regierungsgeschäfte und brachte das Land durch den schwierigen Übergang in die Zweite Republik.

1996 berief Romano Prodi Ciampi als Schatzminister in seine Regierung. Italien verdankt vor allem seiner eisernen Budgetdisziplin, dass es heute in der Euro-Liga spielt. 1999 wählte ihn das italienische Parlament schließlich zum Staatspräsidenten.

Zurückhaltend

Im Quirinal agiert Ciampi seither sehr zurückhaltend, ganz nach seiner Fasson eher als Bürger denn als Politiker. Öffentlichen Tadel überlässt er gerne seiner Frau und engsten Beraterin Franca ("Das italienische TV-Programm ist schwachsinnig"). Kritiker kreiden ihm das vor allem im Zusammenhang mit der strafrechtlichen Flurbereinigung - Stichwort: Immunitätsgesetz - an, die Regierungschef Silvio Berlusconi seit gut zwei Jahren in eigener Sache betreibt.

Ob er Berlusconi jetzt noch überholen und dann einbremsen kann, ist fraglich

Jetzt allerdings ist selbst für einen wie Ciampi, der sich erst unlängst einen neuen Maserati Quattroporte als Dienstwagen geordert hat und seine Fahrer doch unentwegt anhält, sich stets ans Tempolimit zu halten, der Zeitpunkt gekommen, um aufs Gas zu drücken. Allein: Ob er Berlusconi jetzt noch überholen und dann einbremsen kann, ist fraglich. Denn der hat bereits erklärt: "Ich habe Ciampis Einwände zum Mediengesetz nicht gelesen, und ich werde sie auch nicht lesen." (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2003)

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Kommentar

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