Landkarte der Weltanschauungen

21. Dezember 2003, 19:13
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Schweizer Wissenschafter haben ein grafisches System entwickelt, mit dem sie politisches Denken, Mentalitäten und Weltanschauungen visualisieren können

Zürich/Wien - Michael Hermann und Heiri Leuthold forschen transdisziplinär. Die Assistenten am Geographischen Institut der Universität Zürich nutzen ihre Ausbildung in geografischer Informationsverarbeitung, um soziale und kulturelle Unterschiede aufzuzeigen. Über Geografie, Politologie und Soziologie wollen sie die "Handlungsspuren von Menschen" verbildlichen.

Mit einem von ihnen entwickelten Computerprogramm haben sie den "Atlas der politischen Landschaften" in der Schweiz erstellt. Die räumliche Anordnung folgt mentalen Vorgaben, nicht geografischen Grenzen. Statt der Himmelsrichtungen liegt der Darstellung ein "weltanschauliches Koordinatensystem" zugrunde: etwa von den Schweizern als liberal, konservativ, links und rechts klassifiziert. Berge (dichte Höhenlinien) bezeichnen hohe Einwohnerzahlen, Täler und Ebenen dünn besiedelte Regionen (siehe obige Karten).

Quantitative und qualitative Methoden kombinierend, werde belegt, "was bisher als bloße Annahme oder journalistische Vermutung im politischen Bewusstsein dümpelte", erklärt Hermann. Die Bevölkerung ländlicher Regionen denke demnach konservativ, Städter linksliberal. Menschen aus dem städtischen Umland mit gutem Einkommen seien eher rechtsliberal, die Arbeitervorstädte eher linkskonservativ - also für den Sozialstaat und gegen Ausländer, so der Forscher.

Bevölkerungen, die politisch links sind, fühlten sich aber entgegen mancher Vorurteile nicht zwingend der Umwelt verpflichtet - wie an Genf und Lausanne zu sehen sei: Romands seien eher links und technokratisch, die Deutschschweizer hingegen eher konservativ und ökologisch. Auf den Karten ist die Deutschschweiz grün, die Romandie rot und die italienische Schweiz ocker gefärbt.

Blocher und Zürich

Übersetzt auf den neuen Bundesrat wäre der Rechtspopulist Christoph Blocher "wie sein Kanton, Zürich (Zürcher Goldküste), ganz rechts, aber unten", sagt Hermann, denn "er ist konservativ und national orientiert, zwar wirtschaftspolitisch liberal, aber rückwärts gewandt".

Als Nächstes wollen die beiden Geografen "die zeitliche Entwicklung sämtlicher Volksabstimmungen seit dem Zweiten Weltkrieg" erheben, "um die Schweizer Nachkriegsgeschichte darstellen zu können", verrät Hermann schon jetzt. "Natürlich ist es so, dass Volksabstimmungen das Denken der Leute widerspiegeln - im Unterschied zu Österreich, wo man mit seiner Stimme ja nicht seine direkte Gesinnung bekannt gibt."

Es gebe aber keinen Grund, warum man - mit ein paar Zusatzrecherchen - diese Art der Darstellung nicht auch in anderen Ländern zu allen Arten von wahrscheinlich aussagekräftigeren Statistiken als bisher kombinieren könnte.

Den Nutzen sehen Hermann und Leuthold aber nicht nur im Aufzeigen sozialer Realitäten, sondern auch im politischen Marketing. Bei Abstimmungen hätten sie schon "für den Wirtschaftsverband ermittelt, welche Kantone für welche Position entscheidend sind und wo welche Parteien welche Wahlwerbung machen müssen", meint Hermann. Die beiden Wissenschafter streben die Gründung eines fächerübergreifenden Masterstudiums in computergestützten Sozialwissenschaften an. (Eva Stanzl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 12. 2003)

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